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Bibliothek > Das verzauberte Schwert, Prolog

Das verzauberte Schwert

von Andreas Metz

Prolog
Von einem Raben
und der Erinnerung einer Magierin

Dòriol, genannt der Rabe, ging über jenem trostlosen Eiland nieder, welches den landläufigen Namen Mruun trug. Die raue Felseninsel im Meer der Erinnerungen galt als Heimstatt einer großen Zauberin: Dabris von Tureon war eine der Großen Drei, und sie wurde gewöhnlich in einem Atemzug mit Losphon von Gochtland und Ilor dem Vrúl genannt.

Dòriol war erstaunt ob der unwirtlichen Kargheit der Insel, die kaum mehr als ein riesiger Felsen im Meer zu sein schien. Flechten sprenkelten hier und da das angewitterte Gestein, doch sonst gedieh nichts auf Mruun. Selbst die Seevögel, die sonst nicht sehr wählerisch waren, mieden diese Insel.

Warum hatte sich Dabris ausgerechnet hierhin zurückgezogen?

Weilte sie überhaupt noch an diesem Ort?

Es gab weder ein Haus noch einen Turm oder sonst irgendein Bauwerk, nur ausgebleichten Fels und kümmerliche Flechten. Dòriol blieb still stehen und legte den Kopf schräg, als lauschte er dem Wind, der über das Meer fuhr. Er fühlte die Gegenwart von Magie, wenngleich er ihren Ursprung nicht ausmachen konnte; sie durchflutete das ganze Eiland.

»Dabris!« rief er leise. »Dabris. Hört Ihr mich?«

»Wer seid Ihr?« fragte eine fahle, dünne Stimme.

Dòriol blickte sich um, die Herkunft dieser Stimme zu ergründen, aber er konnte zunächst niemanden sehen. Erst bei näherem Hinsehen gewahrte er die eigentümlich blasse, nebelhafte Gestalt einer alten Frau. Die Felsen schimmerten durch sie hindurch, als wäre sie in Wahrheit gar nicht vorhanden.

»Man nennt mich Dòriol. Seid Ihr Dabris von Tureon?«

»Außer mir lebt keiner auf Mruun«, entgegnete die unwirkliche Frauengestalt. Sie schien für kurze Zeit in Gedanken zu versinken, und ihr Kopf nickte, als würde sie im Stehen einschlafen. Doch dann fuhr sie fort: »Ich sehe, Ihr seid ein Magier, wenngleich ich Euren Namen noch nie vernommen habe.«

»Das mag wohl sein«, sagte er. »Die Zeiten meines Ruhmes sind lange schon dahin. Auch wurde ich damals der Múrú genannt.«

»Ihr seid der Múrú, von dem die alten Legenden künden? Das kann nicht sein, allerdings—« Sie führte den Satz nicht mehr zu Ende, als würde sie der ganzen Angelegenheit ohnehin keine große Bedeutung beimessen. Ihr Tonfall war so leer, so frei von allen Nuancen, die einer Gefühlsregung Ausdruck verliehen hätten, dass selbst Dòriol fröstelte. Und er hatte schon vieles gesehen, was geringere Herzen entsetzte. »Ihr wollt meinen Rat?«

»Das ist richtig«, gab er zu. »Ihr seid im Besitz eines Zaubers, den ich gerne erlernen würde.«

Dabris schwieg abwartend, und er fuhr fort: »Man sagt, Ihr habt einen Sprössling Eures Geistes geschaffen — nur vermittels Eurer Magie.«

»Habt Ihr Inaire getroffen?«

Dòriol nickte. »Sie macht Euch alle Ehre. Ich suchte sie in Uschar auf, und sie verwies mich an Euch. Sie sagte, nur Ihr gebietet über diesen Zauber.«

»Das ist wahr. Ich habe ihr nur einen Teil meiner Macht überantwortet. Warum verlangt es Euch nach diesem Zauber?«

Dòriol schwieg, doch er öffnete seinen Geist für sie, soweit ihm dies möglich war.

»Ich sehe.« Die halbstoffliche Zauberin nickte und entschied: »Ich will Euch helfen, Múrú. Doch wisset: Der Zauber, den Ihr benötigt, ist von etwas anderer Art als jener, dessen ich mich einst bediente. Ich schuf die junge Abenteurerin Inaire nicht alleine als Kind meiner Wünsche, welche mit ihr Gestalt annahmen. Sie ist das Gefäß meiner Gedanken. In ihrem Körper habe ich selbst eine neue Heimstatt gefunden.«

»Davon teilte Inaire mir nichts mit.«

»Nur wenige haben Kenntnis davon, dass Dabris von Tureon nunmehr ein Schatten ihrer selbst ist, und dass ihr Geist in Inaire fortlebt, frei von den Fesseln der Macht und der Jahre. Mit Inaire ist auch Dabris wieder jung und tatendurstig und voller Leben.« Sie hielt kurz inne und schien noch einen Deut blasser und durchscheinender zu werden. »Ich jedoch, auf der Insel Mruun, die ich einst Dabris von Tureon war, bin nur noch eine leere Hülle. Ich bin der Ballast von Macht und Alter, der zurückgelassen wurde, damit Inaire in Freiheit leben kann.«

Trotz der Gefühlsarmut ihrer Stimme, wohnte ihren letzten Worten doch eine gewisse Trauer und Verlorenheit inne. »Ich kenne Euren Verlust«, sagte Dòriol mit ernster Stimme. »Auch ich habe einst einen Teil meiner selbst meinen Sehnsüchten geopfert.«

»Nein«, widersprach sie. »Ihr wisst nicht um meinen Verlust. Ich habe nicht einen Teil, ich habe mein ganzes Ich fortgegeben. Ich bin nur noch ein Gefäß mit einer großen, unstillbaren Leere darinnen.«

Dòriol schwieg beschämt, doch Dabris fuhr fort: »Doch jetzt will ich Euch den Zauber lehren, um den Ihr batet. Ihr müsst ihn abändern, damit sich alles Euren Wünschen entsprechend fügt...«




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