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Bibliothek > Das verzauberte Schwert, Kapitel II

Kapitel II
Von Richards erstem Abenteuer
im Walde Redriens
und mancherlei Erklärungen

Eine lange Zeit, viele Tage sicherlich, wanderte Richard ziellos durch die vielbesungenen Waldlande Redriens, ohne auf irgendeinen Menschen zu treffen; und er begann sich schon zu fragen, ob auf dieser Seite des Gebirges überhaupt noch Leute wohnten, als plötzlich drei grüngekleidete Gestalten vor ihn auf den Weg sprangen, ihn mit gespannten Langbögen bedrohten und solcherart nachdrücklich vom Gegenteil überzeugten.

»Wer bist du?« fragte der spitzbärtige Anführer der Gruppe. Obgleich er das Cerinische perfekt beherrschte, blieb selbst dem unerfahrenen Richard ein gewisser Akzent nicht verborgen.

Unser junger Held verschwendete einen kurzen Gedanken an die gute Adelheid, die die Fremden ob ihrer Dreistigkeit ohne weitere Umschweife zum Kampf gefordert hätte. Nun, er selbst war zweifellos weniger heißblütig, wenngleich er das berühmte lebende Schwert an seiner Seite wusste. Immerhin bemühte er sich, seine Furcht nicht offen zu zeigen.

»Und wer seid ihr?« fragte er in stolzem Ton zurück. »Vagabunden und Wegelagerer, so will es scheinen!«

Der Anführer der Grüngekleideten lachte laut und zupfte an seinem Bart, wofür er natürlich seinen Bogen sinken lassen musste. Seine Gefährten blieben wachsam, indes auch sie sich keineswegs ein Grinsen verkneifen konnten.

»Bist du nicht in Redriens Wald, und sind wir nicht die Herren hier? So sprich!«

Richard hielt sich tapfer. Er schob das Kinn vor und sprach: »Ach, es geht die Rede, Redrien sei wildes Land seit langem. Wie kann dann hier ein Herr sein, dem ich Antwort schulde, geschweige denn gleich mehrere Herren?«

»Wohl gesprochen, doch töricht! So höre: Akhileus ist stolzer Herr von Stadt und Wald, Erbe der Könige der Sage, und wir sind seine Mannen. Nun sprich: was führt dich hierher?«

»Wohlan«, hub unser Held an, doch just in diesem Augenblick wurde er unterbrochen, als einer der Grüngekleideten dazwischenfuhr und mit den anderen in ihrer eigenen rauen Sprache redete. Er wies mit der Hand auf etwas hinter Richards Rücken, doch kaum wandten sie ihre Blicke jener Richtung zu, da erscholl dortselbst auch schon ein lautes Brüllen und Stampfen.

Richard sprang zurück, gerade rechtzeitig, um einem gewaltigen Ungeheuer auszuweichen, welches sich just in diesem Augenblick, da die Männer seiner gewahr wurden, auf sie zu stürzen gedachte. Ach, und was für ein Ungeheuer: von Gestalt her durchaus menschenähnlich, aber gewiss über zehn Ellen lang, muskulös und kraftstrotzend, graugeschuppte Arme lugten unter dem knirschenden Lederharnisch hervor und schwangen eine gewaltige Streitaxt. Doch das Erschreckenste an diesem Geschöpf war der Kopf. Er war nahezu kugelrund und von einem schwarzen Tuch umwickelt, welches nur das eine große, rote Auge mit der verschwindend kleinen Pupille frei ließ.

Dies war ein Zyklop, wie er einer Sage oder einem Alptraum entsprungen sein mochte.

Mühelos warf seine Faust im Vorbeigehen Richard zu Boden, als er mit der anderen die Axt schon wider die Grüngekleideten schwang. Unheilbringend pfiff das scharfe Axtblatt durch die Luft und fällte einen von Akhileus' stolzen, überraschten Gefolgsleuten.

Immerhin hatten die beiden anderen noch Verstand genug, ihre nutzlosen Bögen wegzuwerfen und ihre Spieße zu packen. Ihre Wendigkeit und die Kraft ihrer Paraden vermochten ihre Unterlegenheit nur kurz zu verbergen, und noch ehe Richard sich wieder aufrappeln konnte, fiel der zweite Waldläufer unter den Hieben des Zyklopen und ließ seinen Anführer alleine zurück.

»So sei es«, sagte Richard bei sich und zog sein Schwert. »Flamme von Ismolgar, stehe mir bei!«

»Ich bin bei Euch, mein Ritter!« säuselte das Schwert und machte einen großen Satz, seinen Herrn mit sich ziehend.

Richard folgte der erwachten Klinge willenlos; sie schwang hierhin, schwang dorthin, parierte mühelos die erschütternden Angriffe des Zyklopen, stieß unbekümmert in die Lücken seiner Verteidigung.

»Grug daert«, fluchte das Ungeheuer in seinem eigenen dunklen Kauderwelsch. Gewaltig waren seine Schläge, unwiderstehlich sein Ansturm; niemand hatte ihn je bezwungen, doch siehe da: dieser schwächliche Mensch mit seiner schmalen Klinge leistete unerwarteten Widerstand, focht wie ein Irrwisch, zu schnell für den kraftvollen, doch schwerfälligen Zyklopen.

Sieben Wunden schlug das lebende Schwert ihm, und jedesmal stöhnte es vor Vergnügen und Leidenschaft, stillte seinen ewigen Durst. Beim siebenten Stoß aber drang es ihm geradewegs durch die Panzerung ins Herz, und wild und heiß sprudelte sein Blut hervor. Donnernd stürzte der Zyklop wie ein gefällter Baum.

Einen langen Augenblick stand Richard erstarrt vor seinem Opfer, ohne so recht zu begreifen, was vorgefallen war. Er hatte seinen ersten ernstlichen Kampf ausgefochten, und dies durchaus in einer bravourösen und heldenhaften Weise. Sollten die Ungeheuer und Feinde nur kommen; es sollte ihnen nicht besser gehen als dem Zyklopen. Krone und Thron schienen zum Greifen nahe. Wer wollte ihn denn ernstlich aufhalten?

»Ihr führt eine gute Klinge, Herr«, sagte der spitzbärtige Waldläufer atemlos.

Unser Held fühlte sich aus seinen großen Gedanken gerissen. Er lachte stolz, als ihm die Worte des anderen bewusst wurden.

»Gewiss!« Er überlegte, was er als Held nun zu sagen hatte. »Wohlan, seid Ihr unversehrt?«

»Ich selbst bin unverletzt.« Sein Gesicht nahm einen sorgenvollen Ausdruck an. »Doch meine Gefährten hatten nicht soviel Glück, fürchte ich.«

Dies traf bedauerlicherweise zu, denn als sie sich um die beiden reglos daliegenden Menschen kümmerten, fanden sie nur mehr zwei Tote vor, denen keine Heilkunst mehr zu helfen vermocht hätte.

»Das tut mir leid!« sagte Richard, und dies entsprach der Wahrheit, verspürte er doch beim Anblick der Leichen höchst unheroische Übelkeit in sich aufsteigen.

»Wir müssen sie begraben, und uns dabei beeilen, sonst könnten uns noch weitere von jener Art dort auflauern.« Der Spitzbärtige zeigte auf den toten Zyklopen.

»Um was für ein Geschöpf handelt es sich überhaupt?« fragte Richard, dem allmählich bewusst wurde, dass er noch immer nicht über die Beteiligten an dem vergangenen Kampf Bescheid wusste. Auf wessen Seite hatte er sich so unverhofft geschlagen?

Der Spitzbärtige bedachte ihn mit einem merkwürdigen Blick. »Der Zyklop? Der gehört zu denen aus Narach...«

»Narach?«

Der Waldläufer seufzte. »Ich erkläre es Euch später, wenn Ihr es wünscht.«

Damit gab Richard sich zufrieden, und er half dem Waldläufer seine beiden Gefährten im weichen Waldgrund zu verscharren. Sie rammten die Spieße an die Kopfenden der Gräber mit den Kappen der Toten darauf: die namenlosen Gräber von Kriegern. Den Zyklopen ließen sie einfach liegen und schlugen sich ins Unterholz.

Nachdem sie eine ganze Weile gegangen waren, kamen sie zu einer flachen, vollkommen im Gestrüpp verborgenen Mulde, in der sie sich vor den Blicken eventueller Feinde sicher wähnen konnten.

»So, hier können wir uns ungestört unterhalten, Herr«, sagte der Waldläufer. »Ich bin übrigens Yann der Bogenschütze.«

»Wohlan, mich heißt man Richard von der Mark«, entgegnete unser Held, der seine Würde zurückgewonnen hatte.

»Ein leibhaftiger Ritter«, staunte Yann und verbeugte sich. »Ihr kommt von weither, Herr?«

»Mitnichten, meine Familie lebt im Marktal, direkt am großen Gebirgspass.«

»Nun, dies mag Eure Unwissenheit erklären. Was wisst Ihr über die Dinge im Königreich?«

»Bin ich Euch etwa Rechenschaft schuldig?« fuhr Richard auf, denn die Bemerkung über seine ›Unwissenheit‹ hatte ihn etwas verärgert.

»Nein, gewiss nicht«, wehrte Yann ab, »doch wenn Ihr mir sagt, was Ihr wisst, so kann ich Euch leichter über das Übrige aufklären.«

»Nun gut, seitdem das Königreich zugrunde ging und meine Familie in die Berge zog, hat sich einiges ereignet, von dem wir Kunde erhielten. So besteht das Königreich Asmagund nach wie vor; im Osten aber, in Alderland und Efraskien, herrschen die Südländer, deren Heere das Königreich einst zerschlugen.«

»Ihr seid wohl unterrichtet. Was wißt ihr über Redrien?«

»Es ist wild und leer, wie es scheint, abgesehen von einzelnen Wanderern, und die Stadt des Königs ist eine Ruine—«

»Nun, wenig Volk lebt hier noch, dies mag wohl zutreffen, indes bin ich kein Wanderer und auch kein Wegelagerer, wie Ihr vielleicht vermutet. Die Königsstadt liegt in Trümmern, doch sie wird bald wieder aufgebaut werden. Einen Anfang haben wir bereits gemacht...«

»Wer seid ihr?«

»Akhileus, Landros' Sohn, hat eine Schar wackerer Männer und Frauen um sich geschart. Wir werden die Südländer davon jagen und das Königreich wieder aufrichten. Die Stadt des Königs ist schon unser.«

»Wohlan, eine große Aufgabe habt ihr euch gestellt«, bemerkte Richard und überdachte sogleich, dass die Pläne dieses Akhileus durchaus bis zu einem gewissen Grade mit den seinen übereinstimmen mochten. »Erhaltet ihr Unterstützung aus Asmagund?«

»Wo denkt Ihr hin?« Yann zeigte sich überaus entrüstet von dieser Vorstellung. »Wir wollen nicht das Joch der Südländer abschütteln, nur um uns dann unter dasjenige des Königs in Hirschberg zu begeben. Nein danke, für die Asmagunder hegen wir nur wenig Liebe, und Vertrauen schenken wir ihnen keinesfalls.«

»Aber woher nehmt ihr die Kraft, es mit wohl gerüsteten Heeren aufzunehmen?«

Yann seufzte. »Nur aus der Hoffnung vermögen wir zu schöpfen. Sehet: noch vor Monaten streunten wir durch die Lande, versetzten dem Feinde mal hier, mal da einen schmerzhaften Stich, doch nicht mehr. Nun sind wir in die Stadt gezogen, richten die Ruinen wieder auf und hissen das Banner, und schon schließen sich uns viele Willige an. Bald schon, so hoffe ich, werden wir stark sein und den Feinden ebenbürtig.«

»Ihr braucht gewiss jede geschickte Klinge«, bemerkte Richard listig.

»Natürlich! Wollt Ihr Euch uns anschließen? Ihr wäret hochwillkommen!«

»Mal sehen. Doch zuerst muss ich mehr erfahren! Sagt: ist dieser Akhileus von adeligem Geblüt?«

»Mitnichten, Herr.«

»Oho, mit welchem Recht will er also König des Reiches werden?«

»Ach, nicht er soll König werden, so ist der Plan. Vielmehr wird Akhileus auch die Erben der Krone in ihre alten Rechte einsetzen, sobald der Sieg erst vollbracht ist.«

Nun mochte unser Ritter zwar noch unerfahren sein, dumm war er nicht. Er konnte sich wohl denken, dass Akhileus seinen Krieg nicht aus bloßer Edelmütigkeit führte. Sicherlich versprach er sich gar manchen Vorteil davon, wenn schon nicht die Krone selbst. Richard beschloss, Vorsicht walten zu lassen und nicht alle seine Pläne zu offenbaren, was ohnehin nicht schwierig war, denn einen festen Plan besaß er gar nicht.

»Und was hat es mit jenem Namen auf sich, den Ihr eben genannt habt: Nerlach oder...?«

»Narach!« Yann strich sich über den Spitzbart. »Narach, die Stadt des Unheils: Verbündete der Südländer leben dort, aber schreckliche Kreaturen, Zyklopen mit wilder Kraft, kaltblütige Schuppenkrieger und heißblütige Menschenfresser. Finsterer Zauber herrscht dort, und nichts Gutes hat in Narach Bestand. Viel zu oft streifen die aus Narach im Wald umher; das wollen wir ihnen gerne abgewöhnen!«

»Nun, wenn dem so ist, scheint ihr für eine gute Sache zu kämpfen. Gerne will ich euch einstweilen unterstützen.«

Yann neigte dankbar den Kopf. »Mit Freuden wird Akhileus Euch aufnehmen, Herr! Ich verdanke Euch mein Leben.«

»Dann sind der Worte genug gewechselt. Lasst uns aufbrechen!«

»Ach, Herr Ritter, seht! Der Tag geht zu ende, schon bald wird die Dämmerung hereinbrechen, und allzu weit ist der Weg zur Stadt des einstigen und zukünftigen Königs.«

»Was schlagt Ihr vor?«

»Lasst uns hier bleiben, wo wir in Deckung sind, und einen besseren Unterschlupf für die Nacht werden wir kaum finden. Ich habe noch Proviant, so dass wir nicht darben werden, und ein Bach ist just in der Nähe.«

Auch Richard hatte noch einige Rationen bei sich und vor allem eine gute Flasche Wein, die alsbald ihrer Bestimmung zugeführt wurde. So aßen und tranken sie lustig zusammen bis tief in die Nacht, ließen Krieg Krieg sein und Wein Wein. Und dort unter freiem Himmel, in der Wildnis von Redriens Wald, betteten sich die beiden wackeren Kämpen in hart erarbeitetem Rausch zur Ruhe.




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