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Bibliothek > Das verzauberte Schwert, Kapitel I
Kapitel I Von Richards Ritterschlag, seinem wunderlichen Schwert und dem Beginn seiner großen
Fahrt
Hoch,
hoch im Gebirge mit seinen leuchtend weißen Gipfeln, in jener
felsigen, schroffen Einöde, stand die Markburg, erbaut aus
schmutzig grauen Ziegeln und mit roten Zinnen und schmalen Fenstern.
Direkt neben der Burg verlief die Passstraße, die nicht viel
mehr als ein Trampelpfad war, von Ost nach West durch das einige
Meilen lange, aber ausgesprochen enge Tal der Bergmark. Hier hatte
einst ein reger Verkehr geherrscht zwischen den Städten Rauhens
und dem großen Königreich, doch dies war nunmehr eine
Erinnerung der Greise.
Zur Zeit lebten hier auf der Burg, wo
früher die Reisenden untergekommen und um beachtlichen Wegezoll
erleichtert worden waren, nur noch eine Handvoll Ausgestoßener, die Nachkommen
stolzer Flüchtlinge, die beim Zusammenbruch des Königreiches
vor fast einhundert Jahren hierhin gekommen waren. Es ging sogar das
Wort um, ihre Anführer seien rechtmäßige Abkömmlinge
der Hocharistokratie, des einstigen Königshauses gar.
Zur Zeit war weder von der Passstraße,
noch von dem Rot der Burgdächer das Geringste zu erkennen: es
hatte geschneit, und eine dichte weiße Schneedecke lag über
allem.
Drinnen wurde ein großes, wenn
auch nicht allzu fröhliches Fest gefeiert, ein Abschiedsfest.
Richard, der Enkel der alten Burgherrin Sulda, sollte am nächsten
Morgen Abschied nehmen. Einst hatte Anna die Zauberin an seinem
Kindbett ein Gesicht gehabt, welches besagte, dass er sein Schicksal,
Glück wie Leid, nicht im Marktal finden sollte. Sulda kam dies
durchaus gelegen, zumal sie überzeugt war, dass ihre
Abstammungslinie das erste Anrecht auf die Krone des Königs
innehatte. Sie nahm kurzerhand als gegeben hin, es sei Richard
bestimmt, das darniederliegende Königreich unter seiner
Herrschaft neu aufzubauen.
Richard selbst war allerdings
seinerseits nicht von allzu großem Tatendrang erfüllt. All
diese seltsamen Legenden und Erzählungen von dem alten
Königreich berührten ihn wenig; sie waren für ihn kaum
mehr als leere Worte und Erinnerungen der Alten. Das Marktal war sein
Zuhause; hier lebten seine Familie und alle, die er kannte, und jetzt
sollte er es verlassen, um alleine irgendetwas zu erobern, das er
nicht kannte.
Er konnte kein rechtes Vergnügen
an all den erlesenen Köstlichkeiten finden, die ihm zu Ehren
aufgetischt wurden. Vielmehr rutschte er bedrückt auf seinem
Sitz hin und her, nippte ab und zu an dem Wein oder kaute lustlos an
irgendeiner Spezialität.
Es gab Geflügel und Fleisch aus
Rauhen, Pasteten, viel Brot und dampfende Tunken, danach Stockfisch
von den fernen Küsten des Südens. Den Abschluss bildeten
Käse und Kuchen.
Als die Festlichkeiten noch in vollem
Gange waren, erhob sich Sulda die Hundertjährige schon und
bedeutete ihrem Enkel, ihr zu folgen.
Die Herrin der Bergmark war zweifellos
auch in ihren späten Jahren eine stattliche Erscheinung, groß
und schlank, mit schneeweißem Haar und braunen Augen, deren
Glanz in ihrem langen Leben eher gewachsen, denn geschwunden war. Mit
ihrer gemessenen Würde und ihrer Entschlusskraft nötigte
sie noch immer jedem Respekt ab.
Ihr Enkel Richard erreichte, wenngleich
ebenfalls recht groß gewachsen, ihre Größe nicht
ganz. Dafür war er ungleich kräftiger gebaut mit breiten
Schultern und starken Armen. Seine Augen besaßen die Farbe von
Berggletschern und seine schulterlangen, braunen Locken umrahmten ein
Gesicht von ansprechender Ebenmäßigkeit, auch wenn die
Nase wohl etwas zu lang geraten und das Kinn eine Spur zu ausgeprägt
waren, was seinem Antlitz jedoch den Eindruck von Kühnheit
verlieh. Dies war allerdings eine Eigenschaft, die er bislang noch
nicht im Übermaß an den Tag gelegt hatte.
»Der Weissagung zufolge, sollst
du uns noch vor Anbruch des Winters verlassen, und dieser stolze Tag
wird morgen sein. Aber die Welt draußen ist hart und dir und
deinen Absichten feindlich gesonnen; du musst dich also wappnen!«
erklärte Sulda. »Du hast mich gefragt, warum du dir kein
Schwert aus der Waffenkammer auswählen sollst. So komm und
sieh!« Sie führte ihn in eine kleine, dunkle Kammer, an
deren kahler Steinwand ein Schwert hing, welches Richards
Aufmerksamkeit sogleich auf sich zog.
Sein Blick ruhte eine lange Weile
gebannt auf dem Schwert an der Wand; Sulda wiederum beobachtete ihn
mit Aufmerksamkeit und einem gewissen mütterlichen Stolz. Für
Sulda war er stets wie ein eigener Sohn gewesen, seit seine Mutter,
ihre Tochter, im Wochenbett gestorben war. Richards Vater war wohl
einer jener heimatlosen Wanderer gewesen, die für kurze Zeit im
Tal einkehrten, um bald weiterzuziehen und nie mehr wiederzukehren.
»Dein Schicksal wartet nicht in
der Mark«, sagte sie. »Nimm das Schwert, das eigentlich
schon deine Mutter hatte tragen sollen. Es ist ein Erbstück
unseres Hauses.«
Das Schwert war ein lebendes Schwert,
geschmiedet vor undenklichen Zeiten von den Meistern in Tir Yerdil:
die Klinge von vollendeter Schönheit und doch tödlich,
zerbrechlich schmal, indes fester als der härteste Stahl.
Richard strich vorsichtig mit seiner Hand darüber und spürte
die Macht darin pulsieren. Er packte den Griff der Waffe und kannte
augenblicklich den Namen der Waffe. Es war die Flamme von Ismolgar.
»Richard von der Mark«,
säuselte das Schwert mit lieblicher Stimme. »Seid Ihr
bereit, in den Ewigen Orden der Ileth morun einzutreten, wie Eure
Vorgänger und Mitstreiter und Nachfolger, und ein Ilmorun von
Ismolgar zu werden.«
»Ja«, hauchte Richard
überwältigt, obzwar er mit diesen Begriffen nichts anfangen
konnte.
»So nehmt denn die Flamme von
Ismolgar, Herr Richard, mein Ritter!«
Eine nie zuvor gekannte Kraft erfüllte
ihn, als er das Schwert von der Wand nahm. Endlich verspürte er
auch so etwas wie Tatendurst. Ja, plötzlich sehnte er sich
danach, in die Welt hinauszuziehen, Geheimnisse aufzuspüren und
Ruhmestaten zu vollbringen. Allerdings verebbte diese Anwandlung
wieder ebenso schnell, wie sie gekommen war.
Am nächsten Morgen brach unser
frischgebackener Ritter, nunmehr Herr Richard von der Mark geheißen,
in aller Frühe auf. Alle fanden sich ein, ihn zu verabschieden.
Anna die Zauberin, die Brudertochter der Sulda, schenkte ihm ein
Amulett, einen Glücksbringer, wie sie behauptete.
Neben der Zauberin stand ihre Tochter
Adelheid, schlank und hübsch und handfesteren Dingen zugetan
denn der Magie. Obwohl sie mit ihren fünfzehn Wintern immerhin
sechs Jahre jünger als Richard war, hatte sie doch schon an mehr
Streifzügen und Scharmützeln im Gebirge teilgenommen als
er. Auch jetzt sprühten ihre Augen förmlich vor Neid, dass
sie nicht an seiner Stelle aufbrechen durfte.
Sulda die Hundertjährige umarmte
ihn ein letztes Mal, dann wandte er sich um und machte sich auf den
Weg, der verschneiten Passstraße nach Osten folgend, hinab in
die Lande des Königreiches, das er zu erobern hatte, aber nur
von Legenden her kannte.
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