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Schaurige Geräusche in der Abendruhe
von Andreas Metz
Es
begab sich in einer dunklen, dunklen Winternacht, dass Isolde zum
ersten Mal die unheilverkündenden Geräusche vernahm.
Ein Winter, so hart und kalt wie seit
einem Lebensalter nicht mehr, hielt das Land in seiner kalten Hand;
der Schnee lag meterdick und erstickte alles, was sich noch regte.
Grimmiger Frost drang durch alle Ritzen der Häuser bis an die
Herdfeuer heran, an die sich die Menschen Tag um Tag, Nacht um Nacht
kauerten im Verlangen nach ein wenig Wärme. Niemand, der es
verhindern konnte, wagte sich vor die Türe, es sei denn, um
Wasser für die dünne Suppe oder Holz für das Feuer zu
holen.
Einige verwegene Kerle aber zogen mit
großen Schlitten von Dorf zu Dorf, allerlei Waren feilzubieten,
welche die von der Außenwelt Abgeschnittenen gerne doppelt
bezahlten. So erzielten sie große Gewinne, wenngleich auch
manch einer von ihnen später verirrt und erfroren im Wald
gefunden wurde. Sie erzählten, dass selbst die großen
Ströme Daun und Firinal bis auf Metertiefe zugefroren waren und
man ohne Boot beliebig hinüber gehen könne.
Allein der Hunger trieb die Wölfe
der Helmhöhen hinunter in die Ebenen, und der Wald ringsum
hallte wider von ihrem Geheul, und sie wagten sich bis in die Nähe
der Dörfer, überfielen einsame Wanderer.
Solcherart waren die Zustände im
Lande, als Isolde eines Nachts die schaurigen Geräusche hörte.
Nicht das Geheul der Wölfe war es, nicht das Schreien von
Menschen, es sei denn in höchster Not; doch irgendein Rufen und
Jammern schien es dennoch zu sein, wenn auch ganz und gar nicht
menschlich.
Da schrak Isolde aus dem Schlafe auf
und — der Alptraum schien vorüber. Neben ihr schnarchten
ihre Brüder, bei der Kochstelle glühte noch die Asche und
irgendwo im vorderen Teil des Hauses scharrte das Vieh. In der Luft
lag noch der rußige Atem des Feuers; seine Wärme war noch
nicht zur Gänze entwichen und die Kälte blieb erträglich.
Ein Bild der Ruhe und Vertrautheit,
Geborgenheit spendend; und dennoch: Ein langgezogener Schrei ließ
Isolde frösteln, ein Wimmern, Kratzen und Schaben folgten, und
zweifellos vernahm sie auch das Geklirre rostiger Ketten.
Isolde rüttelte einen ihrer Brüder
wach, flüsterte: »Hör' mal! Was ist das für ein
Lärm?«
Ihr Bruder schaute mehr verwundert denn
grimmig drein ob der nächtliche Störung. »Was für
ein Lärm? Ich höre nichts; du träumst bestimmt,
Schwester.«
»Aber nein! Hör doch! Da ist
es schon wieder.«
Ein Brüllen erhob sich mit solcher
Lautstärke, als zwänge sich ein wahrhaftiger Drache durch
die schmale Dorfstraße. Jetzt mussten wirklich alle aufgewacht
sein! — Aber nichts dergleichen: niemand regte sich, und ihr
Bruder lächelte nachsichtig, als wäre sie nicht ganz bei
Trost.
»Ach Schwester, da ist nichts.
Hab keine Angst!« Er gähnte herzhaft. »Nun lass uns
wieder schlafen gehen…«
Er selbst befolgte seinen eigenen Rat
unverzüglich und kaum hatte das letzte Wort gesagt, hub er auch
schon wieder selig zu schnarchen an. Auch Isolde legte sich nieder,
aber da gab es ein Scheppern und Krachen, als wenn ein Turm aus
kupfernen Kesseln in sich zusammenstürzte.
Da war es freilich mit ihrem Schlaf
endgültig vorbei. Die ganze Nacht hindurch klangen in ihren
Ohren die sonderbaren Geräusche, die doch nur sie selbst zu
hören schien: ein Keuchen, laut wie ein Unwetter; ein Kratzen an
der Tür, Klopfen, Jammern, Schritte…
Erst als die späte Wintersonne
fahl über den schneebedeckten Gipfeln des Waldes aufging, und
sich Haus und Hof langsam mit Leben zu füllen begannen, kehrte
Ruhe ein für Isoldes geplagte Ohren. Müde und
unausgeschlafen verrichtete sie ihr Tagewerk, und obgleich die
Wintertage kurz und die Arbeit nicht so hart war wie in den übrigen
Zeiten des Jahres, fühlte sie sich am Abend doch sehr ermattet
und legte sich sogleich nach dem Abendbrot zum Schlafen nieder.
Allein, die Ruhe war ihr nicht
vergönnt, denn kaum schloss sie ihre müden Augen, da
zischten und wirbelten, trommelten und krächzten auch schon
wieder die geheimnisvollen Laute durch ihren Kopf. Kurzum: Ebenso
erging es ihr die ganzen folgenden Nächte, und sie fand nur
wenig Schlaf. Obendrein begannen die Stimmen und Laute bald auch
tagsüber ihr Unwesen zu treiben, und zu keiner Zeit fand sie
mehr Ruhe vor ihnen.
Ihr Vater Jan bemerkte sehr wohl, dass
seine Tochter von Tag zu Tag einen unaufmerksameren und müderen
Eindruck machte, und er argwöhnte, was sie wohl des Nachts
triebe — mit den Knechten im Vorderhaus vielleicht. Er stellte
sie darob zur Rede.
Isolde erzählte frank und frei,
was sie bedrückte, obwohl sie nicht viel Hoffnung hegte, dass
ihr Vater — oder irgendwer sonst — ihr Glauben schenken
würde. Der alte Jan kam indes zu dem Schluss, seine Tochter sei
entweder eine dreiste und obendrein sehr ungeschickte Lügnerin
oder bedauerlicherweise dem Wahnsinn verfallen, und beide
Möglichkeiten erschienen ihm gleichsam unerfreulich und
beunruhigend. Fürs Erste allerdings bemühte er sich, als
guter Vater ihre Sorgen ernst zu nehmen.
»Soso, meine Tochter«,
lautete also sein wohlmeinender Rat. »Wenn dem so ist, dann
gehe am besten zur Dorfhexe! Mag sein, dass sie guten Rat weiß.«
So machte sich denn Isolde in ihrer
Verzweiflung auf den Weg zur Hexe, die eine Meile vom Dorf entfernt
lebte. An jenem Ort hatten vor hundert Jahren drei Mönche des
Verstorbenen Gottes auf einer erhöhten Waldlichtung ein Kloster
erbaut, ihre Riten und Gebete zu vollziehen. Längst waren die
Mönche dahingeschieden wie ihr Gott vor ihnen, und Efeu rankte
sich über die heiligen Zeichen auf der Klostermauer. Das kleine
Haus mit der Backsteinumfriedung und dem kleinen Kräutergärtlein
wäre gewiss gänzlich verfallen, wenn nicht eben die Hexe
dort eingezogen wäre.
Die Zeichen und Reliquien des
Verstorbenen Gottes hatte sie hinausgeworfen, aber den Gebetsaltar
der Mönche verwandte sie nun für ihr unheiliges Tun, und er
diente ihr gewiss nicht schlechter als seinen alten Herren.
Da hockte sie denn, die Hexe, auf
dicken Wolldecken in der zweckentfremdeten Kapelle und ließ es
sich gut gehen. Hinter ihr hing an der Wand ein alter, fast
verblichener Zauberteppich, vor ihr prasselte das offene Herdfeuer,
auf dem sie ihre zauberischen Tränke braute und rund um sie
herum verteilten sich noch allerhand andere Utensilien, die sie
benötigte für ihr geheimes Tagewerk, als da waren
Totenschädel, Mörser und Stößel, Kräuter
und seltene Minerale, ferner Fläschchen und Tinkturen, Salben,
vergilbte Pergamentrollen und Bücher und nicht zuletzt eine
hübsche Kugel aus reinem Bergkristall.
Ja, die Hexe war bewandert in vielerlei
Zauber. Gegen gute Bezahlung — wenn sie fröhlichen Sinnes
war, auch für ein gutes Wort — half sie den Menschen der
nahegelegenen Dörfer bei ihren kleinen und großen
Gebrechen, half bei Geburten, segnete die Felder, wie es einst die
Mönche getan in früherer Zeit, wusste klugen, wenngleich
bisweilen hintersinnigen Rat und, nur im Verborgenen und
heimlichtuerisch flüsternd, tat sie auch manchesmal einen Blick
in die Zukunft mit ihrer Kristallkugel.
Viele Zauber nannte sie ihr Eigen,
gegen Keuchhusten, Warzen, schwarzen Tod und gegen steife Gelenke:
allein das Wetter war nicht ihr Metier, und sie litt nicht weniger
unter Winter und Frost als die anderen Leute. Keine Zauberei kannte
sie, sich Wärme zu verschaffen, als die allgemein verbreitete
Kunst des Feuermachens.
So fand denn Isolde die Hexe sich die
kalten Finger reibend und seltsame Sprüche murmelnd an diesem
Wintertage vor. Ein großer Kessel hing blubbernd über dem
Feuer, spie manchmal blaue, manchmal rote Dämpfe aus, und bunte
Rußflocken tanzten zu des Mädchens Füßen einen
absonderlichen Reigen. Vor dem Feuer lagen zusammengerollt die beiden
rotäugigen Katzen der Hexe, die eine schwarz, die andere weiß.
Sie hörten, wenn sie in gehorsamer Stimmung waren, auf die Namen
Plum und Bum.
Weder sie noch die Hexe schenkten
Isolde die geringste Beachtung, vielmehr fuhr die Hexe fort, alte
Silben zu sprechen über ihr glucksendes Zaubergebräu. Da
sie wohlerzogen war, schloss Isolde also die Tür, trat ein
wenig, nicht zu nah, an das wärmende Feuer und wartete im
übrigen artig auf die Aufmerksamkeit der Hexe.
Es zischte, brodelte, rumorte ein
wenig, sodann stob kurz ein Funkenregen aus dem Kessel auf,
verscheuchte Plum und Bum von ihrem behaglichen Schlafplatz und
erlosch mit einem lauten Puff. Die Hexe sackte erschöpft
zusammen, verzog den Mund, als wäre ihr Essig anstelle von Wein
zu trinken gegeben worden, und machte derweil ein ausgesprochen
mürrisches Gesicht.
»Schon wieder etwas falsch«,
brummte sie halblaut, »und bess'res Wetter ist kaum in Sicht.
Verdammte Sch…«
»Ähem«, machte sich
Isolde dezent bemerkbar. »Darf ich…«
»Was?« Die Hexe hob
zerstreut den Kopf. »Ah, mein Kind, was führt dich her?«
»Darf ich Euch stören?«
»Warum nicht?« Die Hexe
seufzte, um aber sogleich mit ihren Nörgeleien fortzufahren. »Es
macht jetzt sowieso nichts mehr aus. Seit Tagen versuche ich, etwas
Frühling in mein Haus zu holen, aber es will mir nicht gelingen.
Irgendwas stimmt mit den alten Aufzeichnungen nicht…«
Sie kramte zerstreut in ihren Schriftrollen, bis sie sich wieder
ihres Gastes zu erinnern schien.
»Aber was führt dich her,
mein Kind? Isolde heißt du, Tochter des alten Jan, nicht wahr?
Du bist gewiss nicht gekommen, um mir einen Höflichkeitsbesuch
abzustatten. Keine Katze würde ich bei diesem Wetter vor die Tür
jagen.«
Isolde sammelte ihren Mut. »Das
stimmt. Ich brauche Euren Rat…«
Und so erzählte Isolde die
Geschichte von den grausigen Geräuschen, die sie bei Tag und
Nacht quälten. Die Hexe machte einstweilen ein nachdenkliches
Gesicht, dann lächelte sie aufmunternd.
»Nun gut, Isolde, liebes Kind,
dies Geheimnis werden wir schnell ergründen«, sagte sie
und hub an, mit den Händen Beschwörungen von äußerst
grotesker Art auszuführen, bis sie endlich ihre Kristallkugel
nahm und wichtigtuerisch hineinsah.
»Ahhh, ohh, ach so…«,
murmelte sie vor sich hin, bis sie schließlich erkannte: »Das
ist der Grund!«
»Habt Ihr etwas erfahren?«
fragte Isolde vorsichtig.
»Natürlich, mein Kind. Aber
setze dich doch. Es ist eine lange Geschichte.«
Gehorsam setzte sich das Mädchen
auf einen Teppichzipfel, und Plum und Bum kamen sogleich
herangeschnurrt und ließen sich auf ihrem Schoß nieder.
»Es ist eine lange Geschichte«,
wiederholte die Hexe mit veränderter Stimme. »Vor langer,
langer Zeit, in fernen Weltaltern, verehrten die Menschen den großen
Gott Turbisgalman, von dem in unserer Zeit allenthalben nicht einmal
mehr der Name überliefert ist, und nur die Weisen haben ihn noch
nicht völlig vergessen. Seinerzeit war er allerdings der größte
und berühmteste aller Götter, und alle Tage im Jahr wurden
ihm edle Opfer dargebracht, ward er auf das Unterwürfigste und
Zufriedenstellendste verehrt.
Doch die Zeit nagt unablässig an
den Dingen, die sind, und am Ende bezwingt sie sogar Götter, die
sich doch unsterblich wähnen. Im Laufe der Jahrtausende nahm die
Verehrung für Turbisgalman ab, die Gläubigen wandten sich
anderen, jüngeren Götzen zu und vergaßen ihren
einstigen Herrn. Gerät ein Gott aber in Vergessenheit und findet
keine, die ihn anzubeten bereit sind, so ist es mit seiner Pracht und
Herrlichkeit und seiner Stärke vorbei. So geschah es auch mit
dem stolzen Turbisgalman, und große Müdigkeit kam über
ihn, und er legte sich zum Schlaf nieder gerade hier in diesem Lande.
Die Äonen gingen dahin, und alte Gebirge versanken und neue
stiegen auf an ihrer statt. Dort, wo Turbisgalman in tiefem Schlummer
liegt, erheben sich nun die Helmhöhen…«
»Entschuldigung?«, frug
Isolde. »Diese Geschichte ist sehr interessant, aber was hat
sie mit den Geräuschen zu tun, die ich nächtens höre?«
Die Hexe lächelte. »Du
sollst es sogleich erfahren. Die ganze Zeit hindurch schlief
Turbisgalman friedlich, aber in diesem Winter sind Kälte und
Frost von solcher Stärke, dass sie bis in seine tiefe Gruft
dringen und ihn quälen im Schlaf, aus dem er erst erwachen kann,
wenn die Menschen seiner wieder in religiöser Absicht gedenken.
Die Stimmen, die du hörst, mein Kind, sind die Geistesschreie,
die ausgeformten Alpträume des Turbisgalman.«
»Aber warum höre nur ich
sie, niemand sonst?«
»Wer kann das sagen«,
entgegnete die Hexe achselzuckend. »Zu diesem Punkt schweigt
meine Kugel.«
»Und was ratet Ihr mir zu tun?«
»Ausgezeichnet, mein Kind! Wie
ich sehe, hast du Sinn für das Wesentliche. Hm…«
Die Hexe überlegte kurz, ließ ihren Blick über ihre
verstreute Habe schweifen und nahm schließlich ein Garnknäuel
auf. »Hier nimm! Das ist Zaubergarn bester Qualität. Webe
daraus ein Tuch von zwei Ellen Breite und drei Ellen Länge. Das
soll deine erste Aufgabe sein. Wenn du fertig bist, komme wieder!«
»Wieviele Aufgaben muss ich
erfüllen?« fragte Isolde.
»Drei natürlich!« rief
da die Hexe aus, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres
auf Erden. »Man hört doch in jedem Märchen, dass drei
Taten vollbracht werden müssen, um einen Fluch zu brechen. Aber
vollbringe du, mein Kind, zunächst mal die erste, dann werden
auch die anderen nachfolgen.«
Isolde nahm also das Zaubergarn und
begab sich auf den Heimweg, begleitet von der Kälte des Winters
und den Schreien, die nur sie alleine hören konnte und die sie
in keinem Augenblick ganz verließen. Als sich die anderen nach
dem Abendbrei vor dem Herdfeuer zusammenkuschelten und sich wohl die
eine oder andere Geschichte, gruselig, erbaulich oder belehrend,
erzählten, machte Isolde sich an die Arbeit am klapprigen
Webstuhl.
Sie hätte gewiss die ganze Nacht
durchgearbeitet, wenn ihre Brüder nicht dagegen protestiert
hätten, weil es sie nach Schlaf verlangte und das Klappern des
Webstuhls ihnen ähnlich unangenehm war in der Nacht wie Isolde
die geheimnisvollen Geräusche. So kam es, dass die Brüder
ruhig schliefen, das Mädchen aber ruhelos dalag, unfähig
Schlaf zu finden angesichts der Schreie des wunderlichen Gottes.
Und am nächsten Morgen musste sie
mit anpacken bei den alltäglichen Pflichten in Haus und Stall,
bevor sie sich endlich wieder ihrer Webarbeit zuwenden konnte. So
nimmt es nicht Wunder, dass die Arbeit nur langsam voranschritt,
zumal es sich ja noch dazu um Zaubergarn handelte, das ja bekanntlich
so seine Tücken hat. Zwar ging es nie zu Ende, aber Isolde
benötigte ob gewisser anderer zauberischer Eigenschaften gut das
Fünffache an Zeit, die sie bei normalem Garn für den
kleinen Teppich gebraucht hätte.
Endlich aber hatte ihr Werk die
erforderlichen Abmessungen erreicht, und sie begab sich flugs zur
Hexe. Diese wies zwar auf einige, kleine Unaufmerksamkeiten hin, die
ihr beim Weben unterlaufen waren, zeigte sich im übrigen aber
durchaus zufrieden.
»Was ist mit den schaurigen
Stimmen in deinem Kopf?« fragte sie mit etwas übertriebener
Fürsorglichkeit.
»Sie sind so laut und stark wie
immer«, beklagte Isolde sich. »Niemals geben sie Ruhe.«
»Das wird schon werden«,
tröstete sie die Hexe. »Bedenke: du hast zunächst die
erste von drei Verrichtungen ausgeführt, die vonnöten sind,
den Bann zu brechen!«
»Dann sagt mir, was sonst noch zu
tun ist!«
»Dein Eifer ist erfreulich und in
höchstem Maße lobenswert; aber zuerst ist die Reihe an
mir, zur Wirkung unseres gemeinsamen Zaubers beizutragen.«
Mit diesen Worten nahm die Hexe zur
Hand die steinerne Schale, in welcher seinerzeit die Mönche ihr
Weihwasser aufbewahrt hatten. Nun, die Hexe verzichtete freilich nur
zu gerne auf einen derart heiligen Stoff; vielmehr rührte sie in
der Schale einige zauberische Essenzen zusammen, gab Kräuter
dazu und eine Priese Salz. In diese Mischung tauchte sie den kleinen
Teppich und murmelte mancherlei Beschwörungen.
»Es ist vollbracht«, sagte
sie schließlich und gab Isolde den nassen Teppich zurück.
Sie holte eine Rolle purpurroten Garnes hervor. »Hiermit musst
du jetzt einige Zeichen auf den Teppich sticken. Sieh her: In die
Mitte ein Pentagramm und in die vier Ecken je eine von diesen
Zauberrunen…« Sie zeichnete besagte Runen deutlich auf,
dass das Mädchen sie sich gut einprägte.
Mit diesem Auftrag kehrte Isolde
nachhause zurück und fragte sich, ob die Zauberei wohl nur aus
Nähen, Weben und Sticken bestünde. Jedenfalls stürzte
sie sich mit solchem Eifer auf die Arbeit, dass sie ihre häuslichen
Pflichten gänzlich vernachlässigte. Das brachte ihr zwar
nicht geringen Ärger ein mit ihren Eltern und ihren Brüdern,
aber immerhin waren die Stickereien nach zwei Tagen fertig, und das
auch noch zur vollsten Zufriedenheit der Hexe.
»Ausgezeichnet«, rief sie
entzückt, als sie das gute Stück in den Händen hielt.
»Gute Arbeit.«
Isolde hockte alldieweil sehr müde
beim Feuer. Bum hatte wenig Erfolg, sie durch fortwährendes
Anstupsen zum Streicheln zu bewegen. Bald gesellte er sich wieder zu
Plum auf der Hexe Schoß. »Dann nennt mir die dritte
Aufgabe«, bat Isolde, wenngleich ihre trüben Augen nur
wenig Unternehmungsgeist ausstrahlten. Sie wäre gewiss sofort
eingeschlafen, wenn nicht die Stimmen derzeit mit besonderem
Nachdruck ertönt wären.
»Damit hat es noch etwas Zeit«,
bemerkte die Hexe. »Wir kommen nicht umhin, auf den Neumond zu
warten.«
»Aber das sind noch drei Tage bis
dahin!«
»Ich kann es nicht ändern,
mein Kind. Der Zauber soll doch wirken, oder?«
»Na gut, und was muss ich tun?«
»Hm…« Die Hexe rieb
sich das Kinn. »Bist du… äh… noch
unberührt?«
Diese indiskrete Frage weckte Isolde
letztendlich doch aus ihrem Schlummer. »Ich weiß nicht,
was das…?« begann sie empört, wurde aber sogleich
von der Hexe unterbrochen.
»Es ist von nicht geringer
Bedeutung für die Durchführung des Zaubers«, erklärte
sie. »Nur bei einer Jungfrau kann er seine ganze Wirkung
entfalten.«
»Wenn das so ist. Nun gut, ich
bin noch Jungfrau.« Isolde schummelte bei dieser Behauptung ein
wenig, aber da es die Wirkung des Zaubers nicht beeinträchtigte,
machte das gar nichts.
»Fein«, bemerkte die Hexe
entzückt und senkte sodann ihre Stimme zu einem
verschwörerischen Flüstern. »Nun höre: In der
Nacht des Neumondes nimmst du den Teppich und ein scharfes Messer und
begibst dich in eine verborgene Ecke eures Hauses, damit dich keiner
bei dem Ritual stört. Genau um Mitternacht musst du dir nämlich
in den Finger schneiden und etwas von deinem Blut träufeln auf
die Ecken des Pentagramms und die vier Runen; sodann sprich folgende
Silben…«
Der Wortlaut des Zaubers ist nicht
überliefert, es kann jedoch nicht bezweifelt werden, dass Isolde
alles so tat, wie die Hexe es verlangte. Am Morgen nach besagter
Neumondnacht kam sie jedenfalls zur Hexe mit verbundenem Finger und
vollendeten Teppich.
»Alles habe ich getan, wie Ihr es
wünschtet«, beklagte sie sich, »aber noch immer
plagen die Stimmen mich.«
»Sie haben nicht nachgelassen in
ihrem unangenehmen Wirken?« fragte die Hexe in einem Tonfall,
der irgendwie scheinheilig klang. »Ich dachte allen Ernstes,
der Zauber würde dir helfen.«
»Sie sind kaum leiser geworden…«
»Das ist höchst bedauerlich.
Sei meines Mitgefühls versichert«, meinte die Hexe. Sie
stand auf von ihrem wollenen Lager, nahm den alten, verblichenen
Zauberteppich von der Wand und hängte den nagelneuen an seine
Stelle. Zufrieden betrachtete sie ihre Neuanschaffung. »Da es
offenbar außerhalb meiner Kräfte liegt, die Stimmen zu
vertreiben, werde ich allerdings von einer Bezahlung für meine
Dienste absehen.«
»Aber könnt Ihr wirklich
nichts mehr tun?« fragte die brave Isolde verzweifelt.
»Nein, mein Kind…«
»Irgendetwas, Turbisgalman aus
meinen Gedanken zu vertreiben?«
Die Hexe zuckte die Achseln und kraulte
Bum, die sich auf ihrem Schoß niedergelassen hatte; Plum tollte
derweil mit dem nie zuendegehenden Zaubergarn herum. »Da der
Zauber nicht funktionierte, muss wohl angenommen werden, dass der
alte Turbisgalman doch nicht verantwortlich ist für dein Leiden.
Meine Kugel ergeht sich bisweilen in Rätseln, die auch ich
selbst nicht immer zu deuten weiß. Vielleicht hieß der
Gott, der ja bekanntlich seit langem vergessen ist von den Menschen,
auch gar nicht Turbisgalman — oder es gab ihn überhaupt
nicht. Wer weiß, wer weiß? Ich jedenfalls nicht.«
Nun saß Isolde mit offenem Mund
und höchst verwundert, gar empört da. Ihr Blick wanderte
von der Hexe zu deren neuem Zauberteppich, den sie selbst mit großer
Mühe gefertigt hatte; aber sie brachte kein Wort mehr hervor,
denn es wäre doch von wenig höflicher Art gewesen und
Isolde war trotz ihrer ärmlichen Herkunft wohlerzogen. Sie
wusste, wie man mit erwachsenen Leuten reden durfte, und bei Hexen
war freilich besondere Vorsicht vonnöten.
Die Hexe lächelte verbindlich.
»Wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest. Ich habe
allerlei wichtige Aufgaben zu erledigen«, so sprach sie und
achtete ihrer Besucherin nicht mehr und wandte sich wieder zu ihrem
zauberischen Geschäft, davon man nur im Flüstertone zu
erzählen wagte. Alleine sei hier erwähnt, dass ihr mit dem
neuen Teppich die Magie nun wieder leichter von der Hand ging, zu
ihrem eigenen und bisweilen auch zu anderer Leute Nutzen.
Was aber mit der braven Isolde geschah,
ist nicht überliefert, doch erzählten die Leute im Dorfe an
kalten Winterabenden noch Jahre später davon, die seltsamen,
schaurigen Geräusche in ihrem Kopf hätten dem armen Mädchen
bald den Verstand geraubt, und sie sei noch vor Ende des Winters
schreiend und kichernd davongelaufen in den Wald, wo sie gewiss ein
wenig erbauliches Ende genommen hatte.
Niemand vermag zu sagen, ob dies nun
zutrifft, aber sicher ist, dass keiner mehr sah Isolde im Dorf seit
jenem Winter, da die Wölfe von den Helmhöhen herabkamen,
Daun und Firinal zufroren und unhörbare Laute ihren Geist
verwirrten.
Ende
Erklärung:
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