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Von den Stämmen der Tímri

von Andreas Metz

In ihrer Jugend galten die Tímri als die wissbegierigsten, wagemutigsten und geschicktesten aller Ulushai, und als erste legten sie ihre nomadische Lebensweise ab, verließen den Schutz der Wälder und siedelten auf einer Gruppe von elf Hügeln, die inmitten des großen Waldes von Anaerin aufragten. Die Tímri nannten ihr Reich daher Nim ath lauron, die ›Inseln im Wäldermeer‹, und dort erbauten sie die ersten Häuser und Werkstätten, Lagerschuppen und Schutzwälle, von denen in der Geschichte der alten Tage berichtet wird. Sie waren kleinwüchsige Ulushai, nahe verwandt den Fiolain und vielleicht auch den Urogath. Doch anders als diese traten sie aus dem Schatten der alten Heimstätten heraus, und da zu jener Zeit die Sonne noch grell und heiß brannte, wurde ihre Haut dunkel.

Anfangs schützte die Furcht der anderen Ulushai vor dem Licht die Nim ath lauron vor unerwünschten Besuchern, doch hatten auch die Weisen der Tímri Kenntnis von der Stärke des lhyrach, und wussten um die schwindende Kraft der Sonne. So umgaben sie ihr Reich mit einem Ring magischer Zeichen und Schutzzauber, und für eine lange Zeit blieben die Nim ath lauron von allem Unheil verschont.

Nur wenige Kinder wurden ihnen geboren, und so blieben die Tímri stets gering an Zahl. Doch waren sie groß an Zauberkraft und Kunstfertigkeit. So brachten sie es zu Reichtum und Wohlstand, und die anderen Ulushai verfolgten dies mit Staunen und bisweilen auch mit Neid.

Das Reich der Tímri auf den Nim ath lauron umfaßte elf Hügel, die nach den ebenfalls elf Stämmen benannt waren, die auf ihnen siedelten. Die am weitesten südlich gelegenen Hügel waren Tirim, Marn und Tercei. Nach Norden hin folgten Esila, Assal, En und Sileh, welche auch die bedeutendsten Inseln waren, denn dort lebten die mächtigsten Geschlechter, und schließlich Lan und Baldeg. Etwas abseits der anderen im Osten lag Nir, dessen Siedlung gleich einer Festung auf dem höchsten und steilsten aller elf Hügel stand. Noch weiter östlich war Dés.

Zu Anfang hatte es noch einen zwölften Stamm und einen zwölften besiedelten Hügel gegeben; dieser Stamm waren die Atanár, das Königsgeschlecht der alten Tímri. Noch vor allen anderen waren sie aus den Wäldern des Ursprungs gekommen, um auf einem Hügel einige Meilen nördlich von Baldeg zu siedeln. Erst nach ihnen folgten die anderen Stämme der Tímri, und sie achteten die Anführerin der Atanár, Asutrë die Goldene, als Königin der Nim ath lauron. Doch wollte es das Unglück, dass der nördlichste Hügel, Atan, der Wohnort des alten Lindwurms Grundorn war, und niemand bemerkte es, bevor es zu spät war. Viele Jahre hatte Grundorn in seiner verborgenen Höhle geschlafen, und als er erwachte, fand er an der Oberfläche alles verändert und überall die Türme, Häuser, Wege und Gärten der Tímri vor, und dies gefiel ihm gar nicht. Nun war gerade die Zeit eines großen Festes, und so waren alle Wege und Plätze leer, denn die Atanár hatten sich alle bei ihrer Königin versammelt.

Für einen kurzen Moment nahm Grundorn daher an, die Fremden seien gekommen, hätten in aller Heimlichkeit ihre Verwüstung, denn als dies sah er es an, vollbracht und sich dann wieder davongemacht, bevor er sie zur Rechenschaft ziehen konnte. Doch dann hörte der Lindwurm die Flöten, Harfen und Trommeln der Tímri, die von ihrem Fest herüberklangen. Halb zornig, halb neugierig kroch er zum Goldenen Palast, und dort fand er die Königin inmitten ihres Stammes und führte sogleich heftige Klage gegen die Taten der Tímri.

»Ungefragt hat deine Sippe mein Land verwüstet«, sagte er. »Ich habe schon an diesem Ort gelebt, als die nul-soom hier umgingen und eure Vorväter noch im Jenseitigen Land waren, und selbst die stolzen nul-soom achteten meinen Anspruch und behelligten mich nicht. Doch jetzt seid ihr da, und ihr achtet gar nichts, ulushai elayam, außer vielleicht euren eigenen Stolz. Nur kurz habe ich geruht, und nichts schwante mir von eurem Tun, doch was sehe ich jetzt? Wo ist der Teich, an dem ich meinen Durst zu löschen pflege, wenn ich aus meinem Schlafe erwache? Wo sind die Felsen, an denen ich mir stets die alte Haut abreiben konnte? Wo das Buschwerk und die wilde Wiese?«

Asutrë war eine stolze Frau, und während viele ihrer Leute zurückwichen, stand sie unverzagt vor dem gewaltigen Lindwurm. Sie blickte ihm geradewegs in die Schlangenaugen und sprach: »Deine Klagen sind unberechtigt. Wir wussten nicht, dass du oder irgendjemand sonst Anspruch auf diesen Ort erhebt. Doch jetzt ist alles geschehen, und unser Anspruch ist jetzt nicht geringer als der deine. Ich schlage vor, dass du dir ein neues Heim suchst. Ringsum ist Wildnis genug für uns alle.«

Da erkannte Grundorn, dass die Tímri kein böser Willen umtrieb, wie er zunächst vermutet hatte. Sicherlich hätte sich nun alles zum Guten gewendet, denn er war schon halb besänftigt, doch rings herum in der Halle der Königin standen Becken mit Glut, und der scharfe Rauch der Kräuter stach dem Lindwurm in die Nase. »So einfach ist das nicht«, erwiderte er. »Der Schaden, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, bleibt bestehen. Ich fordere Wiedergutmachung für meine Leiden!« Halb benebelt vom Weihrauch schaukelte sein Kopf hin und her. Dann rülpste er und erbrach sich auf den schönen Mosaikboden zu Asutrës Füßen.

Dieses Betragen gefiel der Königin natürlich ganz und gar nicht, und vielleicht fiel ihre Antwort daher etwas schärfer aus, als sie eigentlich angemessen gewesen wäre. »Du bist unverschämt, alter Wurm! Dies ist jetzt das Land der Tímri und wird es auch bleiben. Aus den alten Heimstätten im Dunklen Herzen sind wir gekommen, um ans Licht zu treten, und alles Alte muss weichen, um dem Neuen Platz zu machen. Weder Trost noch Wiedergutmachung sollst du haben. Trolle dich hinfort, Wurm, und suche dir ein anderes Nest, wo du unbehelligt brüten kannst!«

Dies waren hochmütige Worte und wenig weise, denn das Herz des alten Grundorn, dessen Verstand ohnehin benebelt von den verbrannten Rauschkräutern war, kochte jetzt über vor Zorn. Er tötete Königin Asutrë auf der Stelle, und dann alle anderen Tímri, die sich bei ihr versammelt hatten. Dann stampfte er in rasender Wut über den Atan, zerstörte die Bauten der Atanár und verwüstete ihre Gärten, so gut er es vermochte. Die Tímri, selber schon im Rausch ihrer Kräuter, hatten ihm nichts entgegenzusetzen, und trotz tapferer Gegenwehr wurde an diesem Tag der ganze stolze Stamm der Atanár, der ›Königlichen‹, ausgelöscht, und ihre Schätze und ihr Wissen gingen verloren.

 

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