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Bibliothek > Die Legenden der Ulushai, Erster Kreis: Das Buch von Lhyrach, Von den ersten Ulushai
Von den ersten Ulushai
von Andreas Metz
Im
Anfang waren die Ulushai ein Volk des Zwielichts. Sie tauchten zuerst
auf in den dichten Wäldern von Niëmith
Yaur, dem Dunklen Herzen des
Landes Anaerin. Von hier aus begann ihre allmähliche
Ausbreitung.
Es wird gesagt, die ersten Ulushai
seien Feadhu aus der Anderwelt gewesen, und von dort führten sie
vor allem drei Gegenstände von großem Wert und großer
Macht mit sich; dies sind die ältesten Erbstücke der
Ulushai, und auch wenn im übrigen längst vergessen ist, um
welche Dinge es sich hierbei handelte, ist ihr Andenken wie auch
alles übrige bei den Eglais Nimron, die nach wie vor im Niëmith
Yaur leben, nicht vergessen worden. Sie lehren dies: Die wache
Welt, die wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Händen
greifen können, sei nicht alles, was existiert. So gäbe es
Welten jenseits der unsichtbaren Grenze, und eine dieser Welten sei
die Anderwelt, welche die Elben Elemnith nennen. Wenig wissen
selbst die Elben über die Anderwelt zu berichten, und den
Menschen ist nahezu gar nichts bekannt, doch stets klingt ein Hauch
von Schmerz und Verlangen mit, wenn von der Anderwelt gesprochen
wird. Sie wird gleichgesetzt mit einem Ort großer Schönheit
und ewigen Friedens, der durch seine Unerreichbarkeit nur noch weiter
überhöht erscheint. Die Anderwelt ist die Heimat der
zauberkräftigen Feadhu.
In den Legenden der Eglais Nimron, dem
Vergessenen Volk, wird überliefert, wie eine Gruppe von Feadhu
aus der Anderwelt verstoßen wurde und in diese Welt gelangte.
Sie fanden sich im Wald von Anaerin wieder und verbargen sich in den
Schatten, denn in jenen frühen Jahren brannte die Sonne hell.
Nur eine dieser Feadhu ist namentlich bekannt: dies war die große
Seherin Unarthe,
Die Ankömmlinge empfanden zunächst
wenig Liebe für ihre neue Heimat, und sie nannten diese Nirnen,
den ›Ort der Verbannung‹, oder Lairandar, ›Land
des Schmerzes‹, oder Thurglir, die ›Sterbende
Welt‹, denn Unarthe und einige andere bemerkten die Last eines
großen Alters auf der Welt, und sie spürten eine
verderbliche Kraft am Werk, eine Krankheit, die an dem ganzen Land
nagte. Unarthe tat einen Spruch und sie nannte diese Kraft lhyrach.
Die Natur des lhyrach
vermochten jedoch weder die
Seherin noch ihre Nachfolger je wirklich zu ergründen,
und ihr Wirken zeigte sich auch nur in großen Zeiträumen.
Dennoch bemerkten die Weisen der Ulushai sehr wohl, dass die Sonne im
Lauf der Jahrhunderte an Kraft nachließ und dass die Sommer
milder und die Winter länger und kühler wurden. Eine lange
Zeit herrschte Unklarheit darüber, ob lhyrach als
segensbringende oder unheilvolle Kraft anzusehen sei, und gewiss
hatten die Ulushai zunächst großen Nutzen von ihrem
Wirken, denn begünstigt vom Klima wuchsen die Wälder
Anaerins, die zunächst auf das Tiefland des Dunklen Herzens
beschränkt gewesen waren, zu großer Ausdehnung und Dichte.
Für viele
tausend Jahre jedoch war jenseits der schützenden Bäume
immer noch das Reich der sengenden
Sonne, und hier herrschten andere Wesen, fremdartig und
furchteinflößend, die Herren der Vergangenheit, eine
letzte von Myriaden vorangegangener Generationen. Doch diese Fremden,
die eigentlichen Bewohner der Welt, wie es schien, mieden den kühlen
Schatten unter den Bäumen, so wie die Ulushai ihrerseits die
offenen Ebenen mieden, und es ist keine Begegnung zwischen den beiden
Völkern überliefert. Die Ulushai nannten die Fremden
›Herren des ewigen Sommers‹ oder Alak,
die ›Unnahbaren‹. Anderen, älteren Bewohnern des
Waldes von Anaerin waren sie als die nul-soom
bekannt,
doch ob dies wirklich ihr Name in ihrer eigenen Sprache war, kann
keiner mehr sagen, denn schon vor langer Zeit sind sie im Wirken des
lhyrach erloschen,
und nur noch verlassene Stollen und wenige steinerne Zeugnisse sind
von jenen geblieben, die Nirnen über einen Großteil ihrer
langen Existenz bevölkerten.
Vom ersten Tag
ihres Daseins in Nirnen blieb den ausgestoßenen Feadhu und
ihren Nachkommen, den Ulushai, die Sehnsucht nach der alten Heimat im
Herzen erhalten. Die Anderwelt nannten sie Elemnith,
was ›Ziel aller Sehnsucht‹ bedeutet oder auch
›Lieblichster aller Orte‹. Verzweifelt suchten sie
einen Weg zurück und errichteten viele Elbensteine, wie sie
später von den Menschen des Uruanur genannt wurden, doch die
Rückkehr war ihnen auf immer verwehrt. Wie traumhaft
schien im Rückblick die Anderwelt, wo eine sanfte, rote Sonne
schien, eine Welt, die vor Leben und Vitalität schier barst? Wie
leicht war das Leben dort gewesen? Wie unbeschwert?
Eine Weile versuchten die Feadhu ihren
gewohnten Rhythmus und ihre Leichtfertigkeit
beizubehalten, doch gleichwohl spürten sie die Schwermütigkeit
der fremden, alten Welt auf sich lasten wie eine körperliche
Bürde, der sie niemals würden entkommen können.
Zweifellos waren die Ausgestoßenen zunächst von gleicher
Natur wie die heutigen Feadhu der Anderwelt, langlebige Kreaturen von
großer Zauberkraft, aus dem leichten, wandelbaren Stoff der
Anderwelt gemacht.
Nun traten sie jedoch in Wechselwirkung
mit dem schwerfälligen Stoff Nirnens, durch Atmen, Essen und
Trinken, und schon alleine durch die bloße Anwesenheit und
Berührung aller Dinge. So wandelten sie sich, manche schnell,
manche langsam, ganz nach ihrer ursprünglichen Disposition,
ihrem Verhalten und den Einflüssen, denen sie ausgesetzt waren.
Sie wurden schwerfälliger, verloren einen großen Teil
ihrer Zaubermacht und die Fähigkeit, ihre Gestalt zu verändern.
Kräftiger wurden sie und erdgebundener, doch auch kurzlebiger.
Aus der sehr
konkreten Sehnsucht nach der alten Heimat wurde für die meisten
Ulushai im Laufe der Jahrtausende der Traum einer entrückten
besseren Welt und schließlich nur noch ein unbestimmtes, aber
mitunter drängendes Verlangen. Viele Ulushai spürten
eine Unrast, und wussten doch nichts mehr von ihrer wahren Wurzel.
Es wurde erzählt, dass bereits
damals die langsame Abkühlung im Gange war, in welcher einst
Unarthe die Wirkung des lhyrach erkannt hatte. Diese
Entwicklung hatte überhaupt erst kurz vor dem Erscheinen der
Ulushai zur Entstehung der Wälder in den tiefsten Niederungen
und Auen geführt. Mit der nachlassenden Kraft der Sonne gediehen
diese Wälder und breiteten sich über weite Flächen hin
aus, so dass diese ersten Vorläufer des Uruanurwaldes in ihren
Blütezeit fast das gesamte Festland bedeckten, die Gebirge und
Hochflächen ausgenommen. Mit dem Wald und in seinem Schutz
verbreiteten sich auch die Ulushai, und sie zersplitterten in eine
Vielzahl unterschiedlicher Völker, Stämme und Sippen.
Nur wenig mehr kann über diese
frühe Zeit gesagt werden. Wenn von den ersten Ulushai, den
Ankömmlingen aus der Anderwelt, zumindest
noch bruchstückhafte und verschwommene überlieferungen
erhalten geblieben sind, so verliert sich die Spur ihrer Nachkommen
in den nachfolgenden Jahrtausenden nahezu völlig in den Schatten
der Vorzeit, und erst kurze Zeit vor dem Großen Winter treten
die Ulushai wieder in Erscheinung, dann allerdings mit Macht, denn
Keime wurden in der Dunklen Zeit gelegt, und nun gingen diese Keime
auf und gediehen.
Die zierlichen
Tímri trennten sich von ihren Vettern, den Fiolain, und
verließen als erste die alten Heimstätten im Dunklen
Herzen und gründeten auf den sonnenüberfluteten Hügeln
der Nim ath lauron das erste Reich der Geschichte. Zuvor schon
streiften die Stämme der Illith, der Elben, ruhelos durch das
Land, doch sie mieden noch für lange Zeit das Sonnenlicht und
blieben im Schatten der Bäume, und nur das Vergessene Volk, die
Eglais Nimron, blieb für immer in der ersten Heimat der Ulushai.
Die
Mystiker glauben, dass alles, was an einem Ort getan und gesagt,
gedacht und empfunden wird, dort unsichtbare Spuren hinterlässt,
die der Empfindsame auch nach langer Zeit noch spüren könnte.
Nach dieser Vorstellung, prägen sich alle Taten gewissermaßen
dem unbelebten Stoff der Welt auf, und ein Nachhall des vergangenen
Lebens bleibt erhalten.
Wie es heißt, machten sich die
alten Ulushai diese Eigenheit zunutze, und sie fanden Wege,
ursprünglich leblosen Dingen die Bruchstücke des Geistes
eines Lebewesen aufzuzwingen und ihn so mit einem begrenzten
Eigenleben zu erfüllen. Diese Technik beherrschten bereits die
ersten Flüchtlinge, die nach Anaerin kamen; und viele Alter
später vervollkommnten die Tímri diese Kunst, und die
Elbenschmiede von Tir Yerdil erreichten schließlich den
Höhepunkt an Meisterschaft. So wurden viele Artefakte von großer
Zauberkraft geschaffen, denn mit dem Geist ging auch die Kraft des
jeweiligen Wesens auf das Artefakt über.
Im Dunklen Herzen, dem nach wie vor
ältesteten und dichtesten Teil des Waldes von Anaerin, stehen an
vielen Orten große Menhire, die Elbensteine. Die magischen
Symbole der ersten Ulushai sind immer noch in diese Felsen geritzt,
und die Geister derer, die sie anbrachten, die Steine aufstellten und
weihten, sind darin eingeschlossen. Für die Eglais Nimron sind
die Elbensteine Objekte der Verehrung, und nur sie kennen alle Wege
im Dunklen Herzen und wissen alle diese verborgenen heiligen Orte zu
finden. Der älteste dieser Felsen ist der Umair Camror, von dem
es heißt, aus ihm spräche von Zeit zu Zeit die
geisterhafte Stimme der Seherin Unarthe.
Der älteste überrest einer
früheren Besiedlung im späteren Taugiast ist der Steinkreis
von Ikam, der noch aus der Zeit vor dem Großen Winter stammt.
Von ihm wird berichtet, dass aufgeschlossene Besucher in ihm die
verblassenden Stimmen der alten Bewohner, zweifellos ein weiterer
Seitenzweig der Ulushai, zu hören glauben.
So trotzen noch immer die letzten
Spuren der Vergangenheit der Last der ungezählten Jahre.
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