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Bibliothek > Evann und die Vagabundin, Kapitel 2
2. Der Zerbrochene Stern
Die
Frau nannte sich Eraine. In ihrem kurzen Leben hatte sie schon
viele Namen getragen: Fey'la,
die ›dunkle Flöte‹, Thunié, die
›Blutklinge‹, und Iranna, ›die die Nacht
liebt‹. In Erentia war sie Chandra gewesen, und in
Samora Erthel die Bleiche. Nur ihren Geburtsnamen hatte
sie längst abgelegt, und seit Jahren war er nicht mehr über
ihre Lippen gekommen. Obwohl dieser Name, belastet mit Gefühlen
von Leid, Reue und Furcht, unleugbar ein Teil von ihr blieb und sie
ihn niemals ganz würde ablegen können, war er ihr doch
fremd geworden.
Und was den Augenblick anging, so war
sie jedenfalls Eraine, die Vagabundin.
Sie war schlank und von mittlerer
Körpergröße, ausgestattet mit einer schmalen Statur
und langen, beweglichen Gliedmaßen. Sie trug Kleidung von guter
Qualität, die allerdings deutliche Spuren der Abnutzung zeigte:
weiche Halbstiefel, ursprünglich wohl weinrot gefärbte
Pluderhosen mit Rautenmuster*
und darüber eine dunkelgrüne, langärmelige Tunika
aus festem Stoff. An ihrer rechten Seite war an einem Gürtel
eine Lederscheide befestigt, in der ein schmales, leicht gebogenes
Schwert steckte — ein Darg, wie er in den Ländern
am Bortischen Meer gerne getragen wurde. Links am Gürtel hing an
einem Band eine Querflöte. Eraine zog den grünen Mantel
enger um sich, doch auf die Kapuze verzichtete sie weiterhin, obschon
der dichter werdende Nebel ihr Haar mit Feuchtigkeit tränkte.
Der Abend schritt voran; das
Dämmerlicht wich dem Dunkel der Nacht und der Mond zog herauf.
Trotz ihrer Müdigkeit blieb Eraine wachsam und aufrecht im
Sattel. Ihrem Rappen, einem grazilen, leichtfüßigen Tier
von den sonnigen Wiesen Merdyns, schien die feucht-kalte Nacht auf
der Hochebene noch weit weniger zu behagen als ihr selbst. Mit
gesenktem Kopf trottete er voran, und selbst der leise Zuspruch
seiner Reiterin und sanftes Klopfen auf den Hals konnten ihn nicht
ermutigen. Die Stute schnaubte nur abfällig und schüttelte
träge den Kopf mit der breiten Blesse.
Die Frau und ihr Ross hatten eine
mühevolle Reise hinter sich, seit sie den kleinen Freihafen in
Merdyn verlassen hatten. Nach der überquerung des großen
Flusses Ischat waren sie der alten Bernsteinstraße, wie
sie seit undenklichen Zeiten hieß, durch das Tiefland Golmurs
und die Berge nördlich davon bis in die Hochebene von Rauhen
gefolgt. Dieser Weg war das ganze Jahr hindurch gut begehbar;
Reisende waren in dieser Jahreszeit jedoch selten, und Eraine hatte
eine gewisse Aufmerksamkeit nicht ganz vermeiden können. Es
würde sicherlich für niemanden eine große
Herausforderung sein, ihrer Spur zu folgen. Daher hatte sie die
Landstriche um die Ortschaften Almion und Treman zügig hinter
sich gelassen, um eine möglichst große Entfernung zu ihren
Verfolgern zu gewinnen. Karnatium war der erste Ort seit langem, der
Aussicht auf mehr als eine kurze Rast am Wegesrand und ein hastiges
Mahl versprach. Außerdem konnte sie die kleine Stadt unmöglich
passieren, ohne den Zerbrochenen Stern aufzusuchen.
Möglicherweise traf sie dort einen alten Freund. Wenn er noch
lebte, hatte er sicherlich ihre Botschaft erhalten und erwartete sie
bereits. Dieser Gedanke erfüllte sie mit banger Erwartung. In
gewisser Hinsicht war der Besuch von Karnatium auch eine Prüfung,
ob sie wirklich bereit war, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.
Eraine runzelte die Stirn. »Immer
vorausgesetzt ich erreiche den Ort
überhaupt noch in dieser Nacht«, murmelte
sie. Die Nebel schlossen sich wie ein bleiches Laken um sie, und im
schwachen Mondschein fiel es schwer, dem Verlauf der Straße zu
folgen. Unter diesen Umständen war eine Fortsetzung der Reise
nicht ungefährlich. Eraine zögerte jedoch, eine nächtliche
Rast einzulegen. Die damit verbundene Verzögerung hätte zur
Folge gehabt, dass sie sich am nächsten Morgen geradewegs zum
Pass wenden musste, ohne in Karnatium Halt zu machen.
Als sie schon jede Hoffnung auf einen
warmen Platz in dieser Nacht verloren hatte, tauchten vor ihr
einzelne schwache Lichter auf. Sie hielt darauf zu und gelangte bald
zu einem grauen, leeren Bogen aus gebrannten Ziegeln, der in der Tat
das südliche Tor der Stadt Karnatium war. Eine verschließbare
Pforte gab es seit Jahrzehnten nicht mehr, und auch die enge
Wachstube zur Linken war unbesetzt. Eraine lächelte freudlos
darüber, wie schutzlos sich der Ort Räubern und Dieben
darbot. Das war vor einigen Jahren noch anders gewesen.
Dennoch übte der Anblick dieses
alten Torbogens auch eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Ein
mageres Mädchen war einst über diese Schwelle getreten und
hatte Zuflucht gefunden, zumindest für eine kurze Zeit. Tief in
ihr regten sich beinahe vergessene Empfindungen von Vertrautheit und
Geborgenheit.
»Ob er noch lebt?« murmelte
sie.
Dumpf klangen die Hufe des Pferdes auf
dem festgetretenen Lehm der Gasse, die zum Marktplatz führte.
Eraine stellte fest, dass sich nicht sehr viel verändert hatte.
Die einfachen, dicht zusammengedrängten Häuser sahen noch
immer genauso alt und genauso dreckig aus wie früher, ja sie
schienen, falls dies überhaupt möglich war, noch um einen
Deut schäbiger geworden zu sein. Karnatium war ein sterbender
Ort. Er lag am Kreuzungspunkt zweier alter Handelsrouten: Die
Gewürzstraße verband einst die cerinischen Städte
im Osten jenseits des Gebirges mit der nördlichen Alata und dem
Bortischen Meer, doch nur noch wenige Karawanen nahmen diesen
gefahrvollen Weg auf sich. Häufiger genutzt wurde noch die
Bernsteinstraße. Händler aus Saladin und den
Ländern im Süden brachten Schmiedewaren
und Stoffe nach Roch, Edin oder Izmë
im Norden und kehrten reich beladen mit Bernstein, Fellen und
seltenen Hölzer wieder zurück. Aber auch sie kamen immer
seltener. Karnatium hatte mit dem Handel einst seine Blüte
erlebt, und nun teilte er mit ihm den Niedergang. Jahr um Jahr
zogen viele Bürger fort, um in Treman oder Almion im Süden
ihr Glück zu suchen.
Aus wenigen Fenstern drang Lichtschein,
und nicht in allen Häusern, die dunkel waren, hielten Bewohner
ihre Bettruhe. Eine große Anzahl dieser Gebäude stand
bereits leer. Sie verfielen, und keiner kümmerte sich darum.
Karnatium verfaulte von innen heraus wie ein kranker Zahn, und längst
war absehbar, dass es zu gehöriger Zeit eine gänzlich
unbewohnte Ruine sein würde.
Der Marktplatz war eine Freifläche
von viereckigem Grundriss, umrahmt von doppelstöckigen
Lehmhäusern, die sich eng aneinander drängten, als suchten
sie auf diese Weise Schutz vor den Unbilden der Welt. In der Mitte
des Platzes erhob sich der Schrein der Stadtgöttin Kalestra aus
gewachstem, vom Alter schwärzlichem Holz. Die Verzierungen aus
Wimpeln, Schleifen und Troddeln hingen schlaff und feucht herab.
Auf der gegenüberliegenden Seite
des Platzes stand der alte Gasthof, in dem Eraine schon einmal, vor
so langer Zeit, Unterschlupf gefunden hatte. Das Gebäude machte
keinen sehr einladenden Eindruck, hatte ihn nicht gemacht, solange
die junge Frau sich seiner entsann, aber auch hier waren die Zeichen
des Verfalls deutlicher geworden. Die Holzrahmen der Fenster faulten
bereits an einigen Stellen, die Läden hingen schief und
schlossen nicht mehr richtig, und bunte Flicken überzogen den
Vorhang, der vor dem Eingang hing. über der Tür hing an
einer kurzen Kette ein hölzerner Stern, dessen sechste Zacke
abgebrochen war.
Eraine atmete tief durch, schloss kurz
die Augen und strich sich eine lästige Haarsträhne aus dem
Gesicht, bevor sie absaß. Trotz seines baufälligen
Aussehens war das Haus unzweifelhaft bewohnt: flackernder Lichtschein
fiel durch die Ritzen der Fensterläden und gedämpft klangen
einzelne Stimmen auf. In einer Nische neben der Tür stand ein
Elimslicht; die grünstichige Flamme warf zuckende Schatten an
die Wand. Eraine lächelte. Zumindest hier war in diesem
ansonsten leichtsinnig offenen Ort ein Schutz angebracht, auch wenn
er sich nur gegen böse Geister richtete.
Als sie den Vorhang zur Seite zog,
schlug ihr ein Schwall warmer Luft ins Gesicht. Blinzelnd sah sie
sich um. Die Gaststube entsprach noch ihren Erinnerungen: die kahlen
Wände, die groben Holzmöbel, der wärmende Kamin, nicht
zuletzt die stickige Luft getränkt vom Wachsgeruch der Kerzen
und einem modrigen Unterton, der an einen alten Weinkeller erinnerte.
An der gegenüberliegenden Wand gähnte die dunkle öffnung
jener Tür, die in den Hinterhof führte.
Eine Handvoll reisender Händler in
den blauen Roben der Turmuk-Gilde aus Almion unterhielten sich
lebhaft an einem Tisch, und etwas abseits saß ein junger Mann
alleine bei einem Krug Wein. Dies waren die einzigen Gäste.
Eraine kniff die Augen zusammen, dann
flog die Andeutung von Erleichterung über ihr müdes
Gesicht. Dort drüben, im hinteren Teil der Stube an seinem Platz
an der Theke, saß der alte Wirt des Zerbrochenen Sterns
und leerte zusammen mit zwei Einheimischen einen Becher Bier.
Er erhob sich umständlich, suchte
nach Worten. »Willkommen, Herrin! Ihr seid schon lange nicht
mehr hier gewesen«, sagte er holprig. Seine Stimme zitterte
nervös.
Eraine biss sich auf die Lippen. Er war
dünn geworden. Sein schütteres Haar war schneeweiß,
die Wangen waren eingefallen und tiefe Falten hatten sich in seine
Stirn gegraben. Er schien mit derselben Eile gealtert zu sein wie
sein halb zerfallenes Haus.
»Ich hoffe, es geht Euch gut?«
sagte sie und verbarg ihre Erschütterung hinter einer
Floskel. Sie hatte seinen Wink verstanden und gebrauchte ebenfalls
die förmliche Anrede, die in Rauhen, dem Königreich Arn und
den Ländern im Norden gebräuchlich war.
»Ich werde alt«, sagte er
müde, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Die Kälte
kriecht in meine Glieder, langsam zwar, aber sie kommt… Aber
gut, Ihr begehrt Unterkunft, nehme ich an? Habt Ihr ein Reittier?«
Eraine nickte. »Ich bringe es in
den Hof.«
Sie trat wieder hinaus, und als sie mit
ihrer Stute um die Straßenecke bog, hatte er bereits das Tor
geöffnet und ließ sie in den Innenhof. Dort umarmte er sie
und küsste sie wie ein Kind auf die Stirn. Seine Augen glänzten
feucht im Schein der Laterne, die er mitgebracht hatte.
»Du bist es wirklich, nicht
wahr?«
»Ja, ich bin es, alter Freund«,
sagte sie mit leiser, milder Stimme. Geduldig ertrug sie seine
Zärtlichkeit, die sie sonst nur sehr wenigen Menschen erlaubt
hätte. Er war für sie wie ein Vater gewesen, nach jenem
verfluchten Tag im Heumond vor so vielen Jahren, einer der ganz
wenigen, die noch am ehesten die Bezeichnung ›Freund‹
verdienten. Für kurze Zeit hatte sie bei ihm Schutz und
Unterkunft gefunden, bevor die Verfolgung sie weiter trieb, fort von
den Ländern ihrer Geburt.
»Kind, wo bist du die ganzen
Jahre über gewesen?« Noch immer vermied er es, ihren Namen
offen auszusprechen. Zweifellos hütete er ihre Geheimnisse mit
größerer Vorsicht, als sie es selbst in der Vergangenheit
hin und wieder getan hatte.
»Ich bin weit gewandert«,
sagte sie traurig. »Du weißt, warum ich nicht kommen
konnte. — Aber ich habe oft an dich und deinen schäbigen
Gasthof gedacht.«
Er lachte. »Du hast dich kaum
verändert.« Er stockte, lachte wieder. »Oh, das ist
natürlich Unsinn. Du bist erwachsen geworden. Was hast du alles
erlebt? Wie ist es dir ergangen?«
Ihr Körper versteifte sich und sie
entwand sich seiner Umarmung, als könnte sie sich auf diese
Weise auch vor allzu zudringlichen Fragen schützen. Nach dem
kurzen Moment der Offenheit war ihre Anspannung wieder zurückgekehrt.
»Du hättest schon ab und zu
etwas von dir hören lassen können«, meinte er. »Erst
vor kurzem bekam ich deinen Brief.«
»Den Brief hast du also
erhalten?«
Der Alte nickte. »Vor einem
halben Mond kam eine Gruppe Händler aus dem Süden, und
dabei war auch einer, der sich Laertis Tinsal nannte. Er gab mir
deinen Brief.«
»Das ist gut«, seufzte
Eraine. »Zumindest hat er dieses Versprechen gehalten.«
»Besonders zuverlässig
wirkte er nicht auf mich, dieser Laertis Tinsal. Bist du sicher, dass
du ihm vertrauen kannst.«
Eraine schüttelte den Kopf.
»Keineswegs. Allerdings hat er durch Zufall einiges erfahren,
und so konnte ich ihm auch diesen Auftrag erteilen, ohne weiteren
Schaden anzurichten. Das hoffe ich jedenfalls.«
»Nun, wie auch immer! Es ist
jedenfalls nicht mehr zu ändern.«
»Wohin sind die Händler
gezogen?«
ȟber den Pass ins
Königreich Arn, soweit ich weiß. Wohin sonst sollten sie
sich auch wenden.«
»Das gefällt mir eigentlich
nicht so gut.«
»Seit wilde Stämme vor
einigen Jahren in Mestmaren eingefallen sind, ist der direkte Weg
nach Norden versperrt. Die wenigen Reisenden, die in diesen Zeiten
überhaupt noch aus dem Süden heraufkommen, wenden sich von
hier nach Osten.«
»Ehrlich gesagt, wäre mir
lieber gewesen, dieser Kerl hätte nicht den gleichen Weg
eingeschlagen, den auch ich nehmen werde.«
Der Alte zog die Brauen zusammen. "Wie
viel weiß er denn über dich?«
»Mehr als mir recht sein kann,«
sagte Eraine und zuckte dann die Achseln. »Aber das lässt
sich jetzt nicht ändern. Er wird kaum Gelegenheit haben, sein
Wissen zu nutzen.«
Der Alte zuckte mit den Schultern. Er
nahm die Zügel der Stute. »Du hast ein schönes Tier«,
sagte er. »Wie heißt es?«
Sie strich dem Tier über die Flanke. »Ich
weiß nicht. Ich glaube nicht, dass es einen Namen hat.«
»Das ist nicht gut«, schalt
er sie milde. »Ich vermute, das Tier dient dir gut; es hat
einen Namen verdient. Das erhält und festigt seine Treue.«
Eraine lächelte über die
Sentimentalität des Alten und dachte bekümmert: Meinem Schwert habe ich einen Namen gegeben, meinem Pferd hingegen nicht. Was sagt das wohl über mich aus? Er
und ich, wir leben in unterschiedlichen Welten. Dennoch rührten
sie seine Worte, und sie versprach: »Ich werde es in Erwägung
ziehen.«
»Gehe ruhig in die Gaststube! Ich
versorge das namenlose Tier und bringe dir danach etwas zu essen.«
Sie nickte ihm zu und kehrte zurück
in die stickige Stube.
Evann
hatte sich mit Bedacht einen Platz im hinteren Teil des Schankraumes
ausgesucht. Hier konnte er in aller Ruhe einen Krug Wein leeren,
konnte beobachten, ohne selbst beobachtet zu werden. Er stand nicht
sehr gerne im Mittelpunkt des Interesses, legte ihm doch die
Aufmerksamkeit anderer Zwänge auf, denen er sich nur widerwillig
fügte.
Evann wusste die Annehmlichkeiten
seines Standes sehr wohl zu schätzen; gleichwohl fühlte er
sich sehr oft beengt im Geflecht der Konventionen und
Verhaltensregeln, die damit unweigerlich verbunden waren. Sein
Freiheitsdrang ließ ihn daher Aufträge, wie diesen hier,
nur zu gerne übernehmen. Nun gut: sicherlich war es nicht Teil
seines Auftrages gewesen, für mehrere Tage im Zerbrochenen
Stern einzukehren und sich mit Wein voll laufen zu lassen. Er
grinste bei dem Gedanken. Die Verzögerung gönnte er sich.
Er wollte nur still dasitzen, Wein trinken und seine Ruhe genießen.
Und dann betrat diese junge Frau den
Gasthof. Sie war schlank und besaß keine sehr ausgeprägten
Rundungen, soweit sich dies bei ihrer Kleidung beurteilen ließ;
dennoch zog sie Evanns Blicke auf sich. Die Fremde wirkte ernst und
angespannt. Mit dem Wirt schien sie auf gutem Fuße zu stehen.
Dies schloss Evann aus den verstohlenen Blicken, welche die beiden
einander zuwarfen. Ihre Unterhaltung hingegen war von einer
Unpersönlichkeit geprägt, die höchst unnatürlich
wirkte. überhaupt kam ihm die Frau wie ein Fremdkörper vor,
seltsam unruhig und sehr aufmerksam. Sie setzte sich abseits von den
anderen Gästen hin, und immer wieder glitten ihre Blicke
forschend durch die Gaststube. Evann fühlte sich an ein gejagtes
Tier erinnert, stets bereit, die Flucht zu ergreifen oder sich seiner
Haut zu erwehren, wenn es keinen Ausweg mehr gab; und wehrhaft war
die Frau ohne Zweifel, trug sie doch dieses fremdartige Schwert ganz
offen an ihrer Seite.
Sie sitzt alleine, so wie ich,
dachte Evann. Zwei Einzelgänger in einer lärmenden Stube
— das schafft Verbundenheit. Er lächelte über
diesen Gedanken, aber er hatte tatsächlich großes
Verständnis für den Wunsch der Frau, alleine zu bleiben,
was auch immer ihre Beweggründe sein mochten. Die Vernunft sagte
ihm, dass ihn die Fremde und ihre geheimnisvollen Geschäfte
nichts angingen, allerdings übte sie einen unwiderstehlichen
Reiz auf ihn aus. Er wollte gerne mehr über sie erfahren,
vielleicht ihre Bekanntschaft machen, und dieser Wunsch überraschte
ihn über alle Maßen.
Er musterte nachdenklich ihr Gesicht,
das, eingerahmt von wirren Haarsträhnen, im Kerzenschein glühte:
geschwungene, dunkle Augenbrauen, eine lange, schmale Nase, ein Mund,
dessen Schwung ihrer Miene einen leicht spöttischen Ton verlieh.
Ihre Züge strahlten, wiewohl durchaus anziehend, eine kühle
Reserviertheit aus. Nur ihre Augen wirkten lebendiger. Grün
wie die Augen einer Katze, dachte er, so fremd und so
geheimnisvoll.
Seine verstohlenen Blicke entgingen
ihrer Aufmerksamkeit nicht; plötzlich wandte sie den Kopf und
schaute ihn mit diesen großen, grünen Augen geradeheraus
an.
Eraine
legte den Mantel ab. Sie löste ihren Zopf, schüttelte das
staubige Haar und lehnte sich zurück. Ganz allmählich
krochen Wärme und ein gewisses Wohlgefühl in ihre klammen
Glieder. Sie verspürte in diesem alten, vertrauten Haus einen
Anflug von Geborgenheit, Schutz vor Kälte und Gefahren.
Zumindest für die Dauer dieser Nacht war die Welt draußen
ausgesperrt, würden ihre Feinde nicht zu ihr vordringen. In
diesem Augenblick der Ruhe überkamen sie die Müdigkeit und
Erschöpfung ihrer Wanderschaft, und vielleicht wäre sie
tatsächlich eingenickt wie ein Kind am wärmenden Herdfeuer
der Mutter, hätte sich ganz dem Schutz ihres alten Freundes
anvertraut, wenn sie nicht den Blick dieses jungen Mannes aufgefangen
hätte.
Er blinzelte verwirrt, brachte aber ein
Lächeln zustande, und unbeabsichtigt musste Eraine dieses
Lächeln wohl erwidert haben, denn er schöpfte genug Mut, um
zu ihr herüber zu kommen.
»Darf ich mich mit einem Krug
Wein zu Euch setzen?« fragte er höflich.
Eraine fand sein Betragen etwas
aufdringlich. Sie fühlte sich zerschlagen, und ihr Sinn stand
nicht nach einer Unterhaltung über jene Belanglosigkeiten, die
zumeist in derartigen Gesprächen behandelt wurden. Andererseits
war dies die einzige Möglichkeit, auf andere Gedanken zu kommen.
Sie hatte schon viel zu lange nur mit sich selbst zu tun. Vielleicht
konnte sie von dem jungen Mann auch Neuigkeiten aus dem Königreich
erfahren. Sie nickte.
Er stellte seinen Weinkrug und zwei
Becher auf den Tisch, setzte sich und bot ihr mit fast
entschuldigendem Lächeln einen Becher an. »Trinkt nur! Es
ist köstlicher Rotwein aus Treman, sieben Jahre alt, ein
ausgezeichneter Jahrgang.«
Eraine nahm den Becher stumm entgegen
und stieß mit ihm an. Nicht ohne Genuss trank sie den
kräftigen, samtigen Wein. Es war schon eine ganze Zeit her, seit
man ihr zuletzt einen Wein von vergleichbarer Güte angeboten
hatte. Sie überlegte, wo sie gewesen war, als der unbekannte
Winzer die Trauben für diesen Wein gelesen hatte. Sie verzog das
Gesicht; dies waren keine schönen Erinnerungen.
Der junge Mann missdeutete ihre Miene
und frug: »Schmeckt es Euch nicht? Es ist der beste Wein des
Hauses.«
Sie lachte und musterte ihn über
den Rand ihres Becher hinweg. Sie fragte sich, woher er das Geld
nahm, einen so teuren Wein zu bezahlen. Er stammte gewiss nicht aus
dem Ort, und wie ein wohlhabender Kaufmann sah er mit seinem
struppigen dunklen Lockenhaar, dem Ein-Wochen-Bart und seiner
nachlässigen Kleidung auch nicht aus. Nicht, dass er einen
ungepflegten Eindruck hinterlassen hätte. Vielmehr war er recht
gutaussehend, obzwar vielleicht etwas verweichlicht: sein scheues
Lächeln entblößte fast makellose Zähne und seine
Hände waren, wenngleich gröber und größer
gewachsen, doch zarter als ihre eigenen, als habe er noch nie in
seinem Leben gearbeitet. Auf dem kleinen Finger seiner rechten Hand
steckte ein schmuckloser Ring, der rötlich glänzte und
sicherlich kein Zeichen von Armut war. Seine Augen waren blau und
klar, hatten offenbar noch nicht viel gesehen, was ihren Glanz
getrübt hätte.
»Nein, nein, der Wein ist sehr
gut«, beeilte sie sich zu versichern.
»Wie heißt Ihr?«
fragte er.
»Nennt mich Eraine«, sagte
sie nach einem unmerklichen Zögern.
Mit einem vorsichtigen Lächeln
meinte er: »Eraine — das ist ein ungewöhnlicher
Name. Eure Ausdrucksweise legt den Schluss nahe, dass es nicht Euer
wahrer Name ist.«
Ihre Züge erstarrten zu einem
kühlen Lächeln. Sie erklärte in herablassendem
Tonfall: »Was ist denn ein wahrer Name? Ist der Name, den mein
Vater mir gab, wahrer als der, den ich selbst wählte?
Welch ein Unsinn! — Manchmal glaube ich, dass der Begriff
Wahrheit alleine auf Lüge und Selbsttäuschung beruht. Was
meint Ihr?«
Er nahm ihre Worte mit erhobener
Augenbraue zur Kenntnis und wählte seine Erwiderung sorgsam, als
wäre er sich ihrer Bedeutung wohl bewusst. »Nun, Ihr
haltet Euch jedenfalls für eine Enterbte«, erklärte
er. »Ein erstaunlicher Name, und ein vielsagender obendrein.«
Er breitete die Arme aus. »Ich heiße jedoch einfach nur
Evann. Ein nicht sehr ergiebiger Name, was die Bedeutung angeht,
nicht wahr?«
Eraine biss sich auf die Lippen und
bereute ihre Unbesonnenheit, zu der sie wohl die Behaglichkeit und
Geborgenheit des vertrauten Gasthofes verführt hatten. Schon
einmal hatte sie sich durch unvorsichtige Bemerkungen in
außerordentliche Gefahr gebracht; und auch jetzt strebte das
Gespräch höchst beunruhigenden Bahnen zu.
Woher mochte der junge Mann das
Nermenta kennen, die alte Sprache, die lediglich noch von einigen
greisen Gelehrten beherrscht und verwendet wurde, um verstaubte
Schriftrollen zu entziffern. Eraine war ein Wort dieser
Sprache, und es bedeutete tatsächlich ›Enterbte‹.
Evann war offenbar nicht der verzogene
Sohn eines reichen Kaufmanns oder Grundbesitzers; er hatte keine
geringere Ausbildung erhalten als sie selbst. Für einen
Augenblick argwöhnte sie, einen Edelmann vor sich zu haben,
vielleicht gar einen treuen Gefolgsmann des Königs von Arn. Aber
in diesem Gasthof und ohne Gefolge? Das konnte nicht sein. Sicherlich
war Evann der Lehrling eines Schreibers oder eines anderen Gelehrten;
das schien ganz gut zu ihm zu passen. Mit diesem Gedanken beruhigte
sie sich wieder.
Der alte Wirt erschien und brachte
Eraine eine Schale mit dampfendem Kohleintopf und einen flachen Laib
sauren Brotes. Als er Evann an ihrem Tisch bemerkte, lächelte er
nur. Eraine deutete es als gutes Zeichen. Er hätte ihr
sicherlich zu verstehen gegeben, wenn er Evann für gefährlich
gehalten hätte.
Eraine aß mit Heißhunger,
und sie trank Wein dazu, vielleicht ein klein wenig mehr, als sie
sich gewöhnlich zugestanden hätte. Evann hing derweil
seinen Gedanken nach und belästigte sie nicht mit Fragen, was
ihr in diesem Augenblick ganz recht war. Sie gab vor, seine Blicke
nicht zu bemerken und lehnte sich schließlich, nachdem sie ihr
bäuerliches Mahl beendet hatte, betont lässig zurück.
Evann nahm nach einem gemeinsamen
Schluck Wein den Faden ihrer Unterhaltung wieder auf. Mit Bedauern
warf er ein: »Ich bemerke eine gewisse Dissonanz in unserem
Gespräch?«
»Tut Ihr das?« fragte sie
spöttisch.
»Ja. Nach meinem Eindruck ist
unsere Unterhaltung erfüllt von einer unterschwelligen
Aggressivität.«
»Würdet Ihr es vielleicht
vorziehen, wenn wir höfliche Floskeln austauschen würden?«
»Keineswegs.« Er lächelte
etwas gequält. »Ich frage mich nur: warum? Wovor fürchtet
Ihr Euch so? Ich habe nicht vor, Euch ein Leid anzutun.«
»Das haben schon viele
behauptet«, entgegnete sie, unversehens wieder mit sehr
persönlichen Fragen bedrängt. »Ich habe gelernt,
niemandem zu trauen.«
»Euer Leben muss hart gewesen
sein, wenn Ihr so denkt.«
»Ach, Ihr habt keine
Vorstellung.«
»Ihr könnt mir davon
erzählen«, schlug Evann vor.
Sie schüttelte ärgerlich den
Kopf. »Das werde ich sicherlich nicht machen. Und Ihr wundert
Euch noch immer, woher der aggressive Unterton kommt? Fragt Ihr
Fremde immer zuallererst nach ihrer Lebensgeschichte?«
»Nicht doch«, sagte er, hob
abwehrend die Hände und verschüttete dabei beinahe den Wein
in seinem Becher. »Ich wollte nicht aufdringlich sein.«
Ein Augenblick betretenen Schweigens
folgte, bevor Evann sich räusperte. Seine Stimme klang belegt
und etwas schwerfällig, was allerdings auch schon auf den Wein,
den er getrunken hatte, zurückzuführen sein konnte. »Ich
gebe zu: Wir hatten einen schlechten Start. Lasst uns nochmal
anfangen! Was meint Ihr?«
Er senkte den Kopf etwas und lächelte
halb zaghaft, halb schelmisch.
Eraine musste lachen. »Lasst uns
trinken!« forderte sie ihn freundlich auf.
Nachdem er ihnen nachgeschenkt hatte,
fragte sie: »Wo ist Euer Meister?«
»Wer?«
»Euer Meister. Ich nahm an, dass
Ihr ein Gehilfe...«
Seine Augen funkelten. »Aha, Ihr
haltet mich also für den Diener von – sagen wir mal –
einem Schreiber.«
»Liege ich denn so falsch?«
»Ein wenig vielleicht, aber Eure
Schlussfolgerung ist, genau betrachtet, nicht so schlecht. Ich kann
schreiben und kenne alte Sprachen, also könnte man mich
sicherlich als einen Schreiber bezeichnen. Allerdings reise ich
gegenwärtig alleine.«
»Was ist geschehen?«
»Mein Meister, wenn Ihr
ihn so nennen wollt, schickte mich auf eine weite Reise. Was ich
unten in Treman zu schaffen hatte, tut hier nichts zur Sache, aber
jedenfalls erledigte ich, was mir aufgetragen war, dann schloss ich
mich einer Gruppe von Händlern an, die zurück über die
Berge ins Königreich ziehen wollten. Doch ich trödelte
unterwegs und verlor den Anschluss. Jetzt sind sie längst ohne
mich über den Pass gezogen, und ich sitze hier an diesem
gottverlassenen Ort fest und vergeude mein Geld für Wein und ein
verlaustes Bett. Es ist gefährlich, alleine durch die Berge zu
ziehen. Viele Gefahren erwarten einen dort: Schnee-Nurmen und
Geister, Räuber und plötzliche Wetterumschwünge. Wohl
oder übel muss ich auf die nächste Gruppe warten, der ich
mich vielleicht anschließen kann.« Er trank Wein. »Wo
wir gerade davon sprechen: Ihr seid doch auch auf Reisen! Wohin wollt
Ihr doch gleich?«
Eraine überging die Frage und
meinte: »Ihr stammt also aus dem Königreich Arn?«
Er nickte, dann warf er einen kurzen
Blick in den Krug. »Ich sollte neuen Wein bestellen. Was meint
Ihr? Wollt Ihr noch etwas mit mir trinken?«
»Gerne«, sagte sie. »Was
haltet Ihr davon, wenn Ihr mir Neuigkeiten aus dem Königreich
erzählt? Ich war schon lange nicht mehr dort.«
Eraine
erfuhr jetzt, dass Evann aus Branjoch stammte, dem Fürstentum an
der rauen Nordküste des Reiches. »Unser Fürst ist ein
guter Mann, und von edlem Geblüt«, sagte er. »Allerdings
hat er nur wenig Einfluss im Königreich. Branjoch ist arm. Und
ewig liegen wir im Streit mit Asmagund im Westen, das uns auch das
wenige fruchtbare Ackerland neidet, das wir haben.«
»Ihr hört Euch an, als
würdet Ihr den Fürsten persönlich kennen«, sagte
Eraine.
Evann grinste verlegen und erklärte
nach kurzem Zögern: »Ich sage nur, was jeder in Branjoch
weiß. Selbst die Schäfer auf den Höhen des Almoth.«
»Ihr seid kein Schäfer,
Evann.«
»Ohne jeden Zweifel«,
stimmte er zu.
Sie hob den Becher und trank. Sie hatte
den Eindruck, als wäre er einer klaren Antwort auf ihre
vorherige Bemerkung ausgewichen, aber das mochte auch trügen.
Sie kannte ihn nicht gut genug, um das einschätzen zu können.
»Es ist wohl schon einige Zeit
her, aber ich hörte, dass ein anderer Fürst, der Fürst
von Redrien, ermordet wurde.«
Evann riss ungläubig die Augen
auf. »Einige Zeit her?«, wiederholte er. »Wenn Ihr
nicht viel älter seid, als Ihr ausseht, dann wart Ihr damals
noch ein Mädchen. Fürst Philipp starb bereits vor sieben
oder acht Jahren.«
Eraine zuckte die Achseln.
»Naja, eigentlich ist es eine
sehr interessante Geschichte«, fuhr Evann fort. »Auch
wenn vieles noch im Dunkeln liegt. Der Fürst wurde nämlich
von einer gewissen Incharis, einer Dienerin seines eigenen Haushalts,
ermordet. Es heißt, diese Incharis habe sich heimlich mit den
dunklen Künsten befasst und dabei schließlich den Verstand
verloren. Eines Nachts ist sie dann durch die Gänge von Treburg
geschlichen und hat allen die Hälse durchgeschnitten, darunter
auch dem Fürsten und seiner Tochter. Vielleicht um das Blut
irgendeinem Dämon zu opfern. Möglicherweise war sie eine
Anhängerin Salis der Abscheulichen.«
»Davon hatte ich noch nichts
gehört. Wurde die Mörderin gefasst?«
»Sie floh in den Wald, bevor man
sie zur Rechenschaft ziehen konnte. Aber man nimmt an, dass sie
mittlerweile gestorben ist. Später fand man in der Nähe von
Treburg die überreste einer Frau, die offenbar bei einem
misslungenen magischen Ritual ums Leben gekommen war.«
Eraine verzog das Gesicht und beeilte
sich dann zu bemerken: »Das ist eine traurige Geschichte.«
»Und beunruhigend ist sie
außerdem«, pflichtete Evann ihr bei. »Immerhin
zeigt sie, dass auch die Mächtigen schnell einem unglücklichen
Geschick zum Opfer fallen könne. Warum soll es ihnen auch besser
gehen, was das anbelangt.«
Er begann nun wieder von Branjoch zu
erzählen, von den Sorgen und Nöten der Küstenbewohner
und den merkwürdigen Liedern, die von der einstigen Größe
der alten Stämme zeugten. Eraine genoss den Klang seiner Stimme,
die sich mild und lebhaft über das Gemurmel in der Gaststube
erhob. Der Wein schmeckte besser, je mehr sie davon trank, und bald
erfüllte sie eine süße Mattigkeit, die alle Sorgen
verdeckte. Nach einer Weile hörte sie gar nicht mehr zu, was der
junge Mann redete. Dafür fielen ihr andere Details auf: wie er
die Augen beim Lachen zusammenkniff; wie seine gepflegte Hand den
Weinbecher umfasste; der feine Schwung seiner Augenbrauen; die
Locke, die ihm in die Stirn hing; die Bartstoppeln. Ihr gefiel diese
Mischung aus Naivität und listiger Keckheit. Zumindest für
diesen Abend war er eine angenehme Gesellschaft.
Sie schrak aus
ihren Gedanken und stellte fest, dass er aufgehört hatte zu
reden. Sie hatte keine Ahnung, wie lange er schon schwieg und sie
über den Rand seines Bechers anlächelte, noch konnte sie
sich erinnern, was er zuletzt gesagt hatte.
»Woran
denkt Ihr gerade?« fragte er.
Sie schüttelte
schweigend den Kopf. Es war besser, sich nicht durch eine unbedachte
äußerung die Blöße zu geben. Sie leerten beide
ihren Becher und schwiegen eine Weile. Die Gaststube war jetzt leer
und ruhig; sie waren unter sich.
Nach einer Weile räusperte sich
Evann. »Was sind Eure weiteren Pläne?« fragte er.
»Wollt Ihr von hier über den Pass ziehen?«
Sie nickte. Sie sah keinen Anlass,
diese Absicht zu leugnen. Evanns nächste Frage überraschte
sie nicht.
»Ohne mich aufdrängen zu
wollen: wäre es in Eurem Sinne, wenn ich mich Euch auf Eurer
Reise anschließen würde?«
»Ich weiß nicht so recht«,
sagte sie und spitzte den Mund, ihn aus den Augenwinkeln musternd.
»Vorhin habt Ihr gesagt, dass Ihr auf eine Reisegruppe wartet,
der Ihr Euch für den weiteren Weg anschließen könnt.
Jetzt meint Ihr also, ich wäre diese Reisegruppe?«
»Ohne jeden Zweifel!«
Plötzlich fühlte sich ihre
Kehle seltsam trocken und eng an. Sie hatte sich längst ihre
Meinung über diesen Evann gebildet. Der Gedanke, seine
Gesellschaft auch über diesen Abend hinaus zu erleben, weckte in
ihr eine gewisse Vorfreude, und dieses Gefühl überraschte
sie.
»Ich bin es eigentlich gewöhnt,
alleine zu reisen. Aber was soll ich das leugnen: Die Bergwanderung
ist zweifellos sicherer mit einem Gefährten.« Eine
eigentümliche Spannung hatte sie ergriffen, doch sie bemühte
sich, ihn nicht spüren zu lassen, was in ihr vorging. Sie fuhr
betont sachlich fort: »Also meinetwegen. Doch möchte ich
schon morgen früh aufbrechen. Wenn Euch das nicht passt...«
»Nein, nein, das ist kein
Problem«, sagte er. »Es freut mich sehr, dass Ihr
einverstanden seid.«
Sie sah sein Lächeln und kam sich
plötzlich ungemein selbstsüchtig vor. Wie konnte sie diesen
arglosen Kerl so mit in ihre Schwierigkeiten hineinziehen? Sie lehnte
sich mit verschränkten Armen zurück und dachte einen Moment
nach.
»Ich muss Euch allerdings
warnen«, sagte sie schließlich in einem halbherzigen
Versuch, ihr Gewissen zu beruhigen. »Mit mir zu reisen, ist gar
nicht ungefährlich. Ich habe die Angewohnheit, Schwierigkeiten
anzuziehen.«
Evann zuckte die
Achseln. »Wenn dem so sein sollte, dann werden wir damit auch
fertig. Nicht nur Ihr tragt ein Schwert.«
Sie antwortete
nicht, und eine Weile starrten sie beide schweigend auf die
Tischplatte. Dann gähnte er hinter vorgehaltener Hand und drehte
seinen leeren Becher um. »Seid mir bitte nicht gram, dass ich
keinen neuen Wein mehr bestelle. Aber wenn Ihr einen frühen
Aufbruch plant, dann sollte ich jetzt schlafen gehen, sonst nicke ich
morgen noch beim Reiten ein und rutsche vom Pferd. Gute Nacht!«
Eraine nickte ihm
zu, als er schied.
Sie blieb nicht sehr lange allein beim
Kerzenlicht, dann kam der alte Wirt und setzte sich zu ihr. »Ich
wollte euch eben nicht stören«, erklärte er. »Dieser
Evann ist ein netter junger Mann, nicht wahr?« Er zwinkerte mit
den Augen.
»Denke dir nur nicht zu viel
dabei«, erwiderte sie.
»Ach ja? Immerhin habt ihr euch
recht angeregt unterhalten…«
»Und mehr noch: Er wird mich von
hier aus begleiten.« Sie lächelte verlegen. »Er ist
sehr auf Anschluss aus, was die Wanderung über den Pass
angeht.«
»Wohl eher ist er auf deine
Gesellschaft aus, ganz gleich, wohin die Reise geht.«
»Ach was! Sei nicht albern!«
Der Alte wurde unvermittelt ernst.
»Weiß er, worauf er sich einlässt?«
Eraine schüttelte den Kopf. »Nicht
wirklich. Ich habe versucht, ihn zu warnen, aber ich denke, er nimmt
das etwas auf die leichte Schulter.«
»Das kannst du ihm nicht
verdenken. Es sei denn, du hast ihm gesagt, wer du bist. – Das
hast du doch nicht, oder?«
»Nein, natürlich nicht.
Denkst du, ich wäre närrisch?«
»Dann kann der arme Evann auch
nicht wissen, was ihm bevorsteht«, meinte der Alte.
Sie lachte böse. Der vorwurfsvolle
Ton seiner Worte machte sie zornig. »Auch ich weiß nicht,
was mir bevorsteht. So ist das Leben, mein Freund!«
»Du solltest dir das nochmal
überlegen, Kind«, sagte er. »Du könntest ihm
morgen sagen, du hättest es dir anders überlegt. Lass ihn
nicht so arglos in sein Unglück laufen!«
»Halt ein! überlasse das nur
mir!« fuhr sie in schärferem Tonfall auf. »Ich werde
dir nicht Rechenschaft über mein Tun ablegen.«
Er zuckte die Achseln und seufzte. »Du
hast mir noch nie Rechenschaft über dein Tun abgelegt, und damit
musst du auch jetzt nicht anfangen«, meinte er. »Ich habe
über die Sache gesagt, was ich wollte. Du kannst daraus machen,
was du möchtest.«
Sie nickte, versöhnlicher
gestimmt. »Das ist gut so.«
Er entkorkte eine bauchige Tonflasche
und schenkte ihr und sich selbst reichlich ein. »Das ist ein
Gerstenbranntwein, der über fünf Jahre in angekohlten
Eichenfässern gelagert wurde. Ich finde, er hat mittlerweile
eine gewisse Fülle erreicht. Lass uns auf unser Wiedersehen
trinken!«
Das bernsteinfarbene
Getränk brannte in der Kehle und verströmte einen rauchigen
Geschmack, doch es erfüllte Eraines Körper mit Wärme
und einer entspannten Leichtigkeit. »Jetzt weiß ich,
wovon deine Stimme so rau und dunkel geworden ist«, meinte sie.
»Gut
möglich«, sagte er und grinste, dann wurde er jedoch
schnell wieder ernst. »Ich habe hier etwas für dich, mein
Kind. Sieh her! Ich habe ihn die ganzen Jahre hindurch aufbewahrt.«
Er reichte ihr einen kleinen, in dunkles Tuch gewickelten Gegenstand.
Eraine tastete das Bündel ab, aber sie öffnete es nicht.
Ihre Augen leuchteten auf.
»Du hast
ihn noch? Ich hatte ihn völlig vergessen.«
»Der
Situation wohnt zweifellos eine gewisse Ironie inne. Ein alter
Gastwirt als Siegelbewahrer. – Du hast ihn seinerzeit achtlos
zurückgelassen; ich dachte mir allerdings, dass du ihn noch
brauchen könntest.«
»Ich danke
dir«, sagte sie. »Obwohl ich noch nicht weiß, was
ich mit ihm anfangen soll.«
Sie tranken.
Eraine sagte: »Ich habe noch eine Bitte…«
»Was kann
ich tun?«
»Ich
brauche Verpflegung für die Reise über den Pass und
angemessene Kleidung, mit der ich nicht auffalle.«
»Willst du denn bald abreisen?«
Sie nickte. »Ich muss schon
morgen in der Frühe aufbrechen, mein Freund. Mir wird keine Ruhe
gegönnt. Es tut mir leid.«
»Du musst tun, was du für
richtig hältst«, erwiderte er etwas schroff. Er verbarg
seine Verärgerung, indem er einen tiefen Schluck aus seinem
Becher nahm, und bemühte sich um ein Lächeln. Er kannte
ihre Halsstarrigkeit gut genug, sie gar nicht erst um einen Aufschub
zu bitten. »Ich wünschte, ich wäre noch jünger.
Dann könnte ich mit dir gehen und für dich kämpfen,
aber ich bin nur ein alter müder Gastwirt.«
»In dieser Angelegenheit haben
bereits zu viele Unbeteiligte Schaden genommen«, wehrte sie ab.
»Ich würde nicht wollen, dass du mich begleitest.«
Er verkniff sich einen weiteren Hinweis
auf den jungen Evann und meinte: »Ich habe vorhin auf dem Hof
Unsinn geredet. Du hast dich sehr verändert, Kind. Wenig ist von
dem verängstigten Mädchen geblieben, dass ich einst am Tor
der Stadt aufgelesen habe.«
»Das hoffe ich doch.« Sie
trank.
»Aber du bist noch ernster
geworden und noch verschlossener als früher«, sagte er.
»Was hast du erlebt in der Welt?«
»Keine schönen Dinge…«,
erwiderte sie. »Doch einiges will ich dir erzählen, alter
Freund. Einiges will ich dir erzählen von den Ländern am
Bortischen Meer.« So saßen sie noch einige Zeit
beisammen, und die Stunden verstrichen, so wie die Jahre verflogen
waren, von denen sie sprachen.
Die
Morgendämmerung lag nicht mehr fern, als der alte Mann Eraine
über den Innenhof und über die knirschende Holztreppe in
das obere Stockwerk führte, wo sich die Kammern der Gäste
befanden. Er öffnete ihr die Tür zu einem stickigen, kalten
Raum. An den Wänden standen zwei Etagenbetten mit Matratzen aus
Stroh und fleckigen Decken. Das einzige Fenster wies zur Straße
hin, und in einer Ecke standen ein Waschbecken und ein großer
Krug mit kaltem Wasser. Eraines spärliches Gepäck lag
bereits daneben. Erfreut stellte sie fest, dass keines der Betten
besetzt war.
»Ein ganzes
Zimmer für mich alleine?« fragte sie.
»Die Zeiten
sind nicht gut: zu wenige Gäste für zu viel Platz. Genieße
es und suche das Bett aus, dass dir am besten gefällt!«
»Ich danke
dir«, sagte sie. »Für alles.«
»Schlafe
gut!« Er strich ihr über das Haar, dann ging er, und seine
müden Schritte verloren sich in der Nacht des Hofes.
Eraine stieß
das Fenster auf und sog in tiefen Zügen die kühle, feuchte
Nachtluft ein. Dies belebte ihre Sinne und nahm der Kammer etwas von
ihrer bedrückenden Enge. Sie ließ das Fenster offen, legte
ihre Kleider ab und kroch unter die Decke eines der unteren Lager.
Das raue Laken war angenehm kühl auf der Haut; ihr Körper
entspannte sich. Binnen weniger Augenblicke war sie eingeschlafen.
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