Einführung Die Geschichten aus Nirnen Die Enzyklopädie der Welt Nirnen Impressum und Gästebuch Links zu anderen interessanten Seiten
 

Bibliothek > Evann und die Vagabundin, Kapitel 1

1. Eine abendliche Begegnung

Der alte Mann fröstelte.

Er trotzte dem Wind, der über die Ebene fuhr, und hielt den Blick nach Westen gerichtet. Dort war der ganze Horizont in ein rotes, langsam verlöschendes Feuer getaucht, wo die Sonne im Nebel des Ischat-Tales zu ertrinken schien. Er gönnte sich diesen Moment, obwohl sich das Grau des Himmels über ihm zusehends verfinsterte und es höchste Zeit wurde nach hause zu gehen. Die Berge im Osten lagen schon in Dunkelheit, und nur ihre höchsten Gipfel blitzten noch hell hervor.

Der alte Mann seufzte. Bekümmert dachte er an das vergangene Jahr, als sein Weib der Auszehrung erlegen war. Jetzt lag sie in ihrem Grab neben den kleinen Gräbern ihrer drei Kinder, die alle jung verstorben waren. Er kam auch alleine zurecht auf seinem kleinen Hof, doch nun hatte er niemanden mehr, der das Leben mit ihm teilte, und er war einsam. Um so wichtiger war es doch — sagte er sich —, das Bisschen Schönheit zu genießen, das ihm noch geblieben war, und wenn es sich auch nur um einen Sonnenuntergang handelte. So blieb er stehen, obschon er sich längst schon hätte aufmachen müssen, und wartete ab, bis die letzte warme Glut in matter Dämmerung ertrunken war. Dann gab er sich einen Ruck.

Er zog seinen abgenutzten Mantel fest um sich, bevor er das Reisigbündel auf die Schulter nahm und sich auf den Heimweg machte — eine einsame, von der Last arbeitsreicher Jahre gebeugte Gestalt inmitten der brachliegenden Felder. Der kalte Wind, den er zuvor noch ignoriert hatte, ließ ihn jetzt zittern. Der Frühling hatte die Hochebene von Rauhen noch nicht berührt; das Land war grau und kahl wie in der tiefsten Winterruhe. Der Frühling kam später und später, Jahr für Jahr. Das ließ sich nicht leugnen.

Die Luft roch feucht, und der Nebel sammelte sich nicht länger nur am fernen Ischat, sondern auch in den windgeschützten Senken der Felder ringsum, verdichtete sich zu Bänken, die verschwommenen, milchig-weißen Seen glichen.

Verhaltener Hufschlag klang in der hereinbrechenden Nacht auf.

Wer mag so spät noch unterwegs sein? fragte sich der Bauer und spähte neugierig in die Dämmerung hinaus, wo ein schwarzes Pferd aus den Schatten auftauchte. Im Sattel saß eine schlanke Frauengestalt. Ein langer dunkler Zopf wippte im Rhythmus des Trabes, den das Pferd anschlug. Das Tier schnaubte, und seine Nüstern dampften in der Kälte.

Als die Reiterin den alten Mann bemerkte, zog sie die Zügel an. Mit tänzelnden Schritten kam das Ross zum Stehen; die Frau beugte sich vor und klopfte dem Tier beruhigend den Hals. Ihr schmales Gesicht war blass, aber keineswegs unansehnlich. Große Augen musterten den alten Mann wachsam. Ihre Stimme klang heiser vom Staub der Straße, doch ihre Aussprache war klar und ohne Akzent: »Einen schönen Abend wünsche ich dir, Fremder.«

Der Bauer verzog das Gesicht. Die vertrauliche Anrede kränkte ihn: So sprach eine Gutsherrin doch mit einem Sklaven. Er war jedoch ein freier Mann mit eigenem Land und kein Knecht. Allerdings kam die Frau, ihrer Kleidung nach zu urteilen, von weither, und er hatte schon davon gehört, dass die Leute im Süden merkwürdig sprachen und plumpe Vertraulichkeit schätzten. Andererseits war sie für eine Frau aus Merdyn oder Sinad eigentlich zu hellhäutig.

»Ich bin ein freier Bauer«, sagte er und fuhr höflich fort: »Ich wünsch’ Euch jedenfalls auch einen guten Abend, Fremde. S’ist ein ungemütlicher Abend. Warum seid Ihr so spät noch unterwechs, wenn ich fragen darf?«

Die Frage schien der Frau nicht zu behagen. Sie lächelte kühl. »Die gleiche Frage könnte ich dir auch stellen, oder?«

Der alte Mann erkannte, dass seine Höflichkeit vergebens war, und wechselte auch zum vertraulichen ›Du‹. »Natürlich könntest du das«, gab er zu. »Ist auch kein Geheimnis. Ich bin auf’m Weg nach Hause.«

»Da will ich dich nicht lange aufhalten. Doch sage mir: Ist es noch weit bis zum Ort Karnatium?«

Er machte mit der freien Hand eine vage Geste. »Einige Meilen werden’s wohl noch sein, immer der Straße nach.«

»Aha!« Sie lächelte in sanftem Spott, doch dann wurde sie nachdenklich: »Ich war schon lange nicht mehr dort. Hat sich viel verändert? Gibt es den Zerbrochenen Stern noch?«

»Ich glaub’ schon«, sagte der Bauer und betrachtete die Frau mit neuem Argwohn. Der Gasthof Zum Zerbrochenen Stern galt mittlerweile als Treffpunkt von Landstreichern und anderen Gesellen von zweifelhaftem Ruf, wenngleich mitunter immer noch reisende Kaufleute dort Unterkunft suchten. Doch die Frau sah nicht wie eine Händlerin aus, und ihre Sprache klang gebildeter, als es für Vagabunden üblich war. In ihrer Stimme lag ein Hauch jener überheblichkeit, welche die Edelleute seinesgleichen stets entgegen brachten. »In Karnatium geschieht nicht viel, weiste. Das ist eine ruhige Gegend hier.«

Sie ging nicht darauf ein, stattdessen frug sie: »Hast du letzthin Neuigkeiten aus dem Königreich Arn gehört?«

»Nee! Was kümmert mich das Könichreich jenseits der Berge?«

»Dann hab Dank für deine Auskünfte, alter Mann«, sagte die Frau schmunzelnd und gab ihrem Pferd die Sporen. »Leb wohl.«

Der Bauer schaute ihr nach, bis die Dunkelheit sie verschlang und die Hufschläge in der Ferne verklangen. Er schüttelte den Kopf über diese Begegnung und machte sich dann auf den Heimweg; und so war es höchst unwahrscheinlich, dass er je mehr über die Frau und ihre Geschichte erfahren würde.




< Zurück zum Prolog Zum zweiten Kapitel >

Erklärung: Alle Inhalte auf dieser Homepage, insbesondere die Texte, sind urheberrechtlich geschützt und verbleiben Eigentum der Autoren. Eine Veröffentlichung (auch auszugsweise) bedarf der ausdrücklichen Genehmigung der Autoren.